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GracielsGeschichte


Graciels Geschichte - Tränen eines Engels

DanielaRempt

  1. Graciels Geschichte - Tränen eines Engels
    1. 1. Kapitel
    2. 2. Kapitel
    3. 3. Kapitel
    4. 4. Kapitel
    5. 5. Kapitel
    6. 6. Kapitel

1. Kapitel

Ist nicht deine Gottesfurcht dein Trost,
und die Unsträflichkeit deiner Wege deine Hoffnung?
- Hiob 4

Graciel, bleib nicht zurück, komm, wir haben es eilig" hörte ich die Stimme unserer Michaelitin, Mariel in meinem Kopf. "Ja ist gut ich bemühe mich ja!" sendete ich zurück. Doch am liebsten hätte ich mich einfach zurückfallen lassen, wegbleiben, meine Ruhe haben. Aber der Gehorsam gegenüber der Michaelitin, der allgegenwärtige Gehorsam, der uns in der Ausbildung immer und immer wieder eingetrichtert wurde ließ meine Flügel schneller schlagen. Außerdem musste ich mich in meiner neuen Schar bewähren. Die Zeit der Trauer um meine gefallenen Schargeschwister musste endlich ein Ende haben. Ich ermahnte mich selbst, mich mehr auf das Fliegen zu konzentrieren und nicht diesen schrecklichen Gedanken nachzuhängen - da ich nachts sowieso keine Ruhe in der Meditation finden konnte, die für uns Engel den Schlaf ersetzt, konnte ich auch dann grübeln, wenn ich damit meiner Schar und auch mir nicht schaden konnte.

Wir hatten am frühen Morgen von Ab Guilliaume persönlich den Auftrag bekommen dem kleinen Fischerdorf Farnese einen Besuch abzustatten. Es gab dort vor zwei Wochen einen völlig unerwarteten und sehr schrecklichen Traumsaatangriff. Seltsamerweise hatten die Diener des Herrn der Fliegen überwiegend Kinder angegriffen und getötet. Aber auch unter den restlichen Bewohnern gab es viele Tote und Verletzte. Glücklicherweise konnten aber dennoch viele dadurch gerettet werden, da zwei Engelsscharen in der nähe verständigt werden konnten, die die Traumsaat schnell und gnadenlos niederstreckte. Nun also hatte meine Schar den Auftrag durch unsern Besuch die Menschen aufzumuntern, ihnen ein wenig Trost zu spenden. Außerdem sollten wir den Menschen ein wenig behilflich sein da die Monachen und Beginen des nahen Klosters alleine nicht damit fertig wurden. Ich war doch froh, eine Aufgabe zu haben die mich ein wenig ablenkt. Es erfüllt immer wieder mein Herz mit Freude, zu sehen wie die Augen eines Menschen wieder leuchten wenn ich ihnen nur die Hand auflege und die mir von Gott gegebene Macht ihnen Wärme und Wohlbefinden spendet.

"Wir sind bald da" sendete Mariel an uns alle. Ich blickte hinüber zu Nathaniel der mir einen aufmunternden Blick zuwarf und mir zu meiner Verwunderung zurief "Du machst das gut, es wird immer besser!" "Danke, Bruder!" antwortete ich doch nicht nur meine rechte Schulter, mit dem noch immer von den Verletzungen herrührenden schwachen Flügel, schmerzte, auch meinem Herz gab es einen Stich, wenn ich in Nathaniels graublaue Augen sah. - Ich wusste er kann all mein Leid sehen, wenn er länger in meine Augen schaut, trotzdem konnte ich nur schwer meinen Blick von ihm abwenden. Letztendlich musste ich mich aber doch wieder auf das Fliegen konzentrieren, da ich alle meine Kräfte noch einmal sammeln musste um nicht wieder zurückzubleiben.

2. Kapitel

Wie ein Traum wird er verfliegen
Und nicht mehr zu finden sein
Und wie ein Nachtgesicht verschwinden.
- Hiob 20, 8

Wir landeten auf dem kleinen Marktplatz des Dorfes, der nur aus einem kleinen Stück plattgetretenem Lehmfußboden bestand. Kein Mensch ließ sich zuerst blicken, was sehr ungewöhnlich war, denn normalerweise sorgt eine Engelsschar immer für Aufsehen und wird freudig begrüßt. Doch da läuteten schon die Glocken der kleinen Dorfkirche und der Priester, ein kleiner, zerbrechlich wirkender Mann kam auf uns zugerannt. Er verbeugte sich tief und sprach "Seid gegrüßt ihr Engel des Herrn, wie schön Euch in dieser schweren Zeit zu sehen! Ein wahrlich freudiger Anblick, dürfte ich fragen was Euch hierher führt?" Mariel ergriff das Wort, sie hatte für eine Michelitin, welche sonst hautsächlich telepathisch zu anderen Engeln und manchen Menschen sprechen, eine laute deutliche Stimme. "Wir haben von Ab Guillaume den Auftrag bekommen, hier nach dem Rechten zu sehen und euch in Eurer Not behilflich zu sein. Doch es ist nun schon sehr spät. Wir haben einen langen Flug hinter uns und unsere Raphaelitin, sie deutete auf mich - ich wurde rot, ist sehr geschwächt. Sprich guter Mann, haben sie vielleicht einen Stall, den wir als Unterkunft für die Nacht nutzen können?" "Aber natürlich, wir haben viele leerstehende Gebäude seit dem Traumsaatangriff." Er blickte traurig zu Boden. "Teilt uns einen zu, wir sind nicht wählerisch, er sollte nur genügend Platz sein, damit wir unsere Flügel trocknen können." Erwiderte Mariel. "Bitte folgt mir, " er deutete auf eine große Lagerhalle für Getreide und Reis. "Danke, " zusammen sprachen wir den Satz der uns in Fleisch und Blut übergegangen war, "Wir sind Engel des Herrn, wir hören und gehorchen!"

Endlich konnten wir uns ausruhen. Der Lagerraum bot uns genügend Platz, das Stroh war trocken und warm. Erschöpft zog ich mich in eine Ecke zurück und beobachtete die anderen. Mariel, die Michaelitin, stolz und stark wie immer, ihr war die Müdigkeit nicht im Geringsten anzusehen. Aadoniel unser kräftiger, immer kämpferisch und misstrauisch wirkende Gabrielit, hatte es sich neben Mariel bequem gemacht, aber sein Flammenschwert lag wie immer griffbereit auf seinem Schoß. Der Urielit, Raziel musste natürlich wieder eine besondere Rolle spielen und erhob sich auf einen Balken um alles überblicken zu können. Auch wenn es hier nichts gab was er hätte erspähen können suchten seine adlerscharfen Augen immer wieder den Raum ab. Ich fühlte mich von ihm beobachtet. "Setz dich doch zu uns!" riss mich Nathaniels Stimme aus meinen Gedanken. Der sanfte Ramielit war der einzige meiner neuen Schar, der mir auf Anhieb sympathisch war. "Nein danke, ich bleibe lieber hier sitzen und ruhe mich aus, der Flug hat doch sehr an meinen Kräften gezehrt." Als er sich schon abwandte um zu den anderen beiden zu gehen, entschied ich mich doch ihn in meiner nähe haben zu wollen. "Du kannst dich gerne zu mir setzen." Wortlos lächelnd ließ er sich neben mir nieder.

Nachdem wir noch ein paar belanglose Worte getauscht hatten, versank er in ruhiger Meditation. Ich ließ noch einmal meinen Blick durch die meditierende Runde schweifen. Denn trotz der Erschöpfung fand ich keine Ruhe. Diese Schar war so anders als meine frühere. Sie waren alle schon mindestens zwei Jahre älter und wirkten so erfahren und erwachsen, hatten schon viele Missionen bestanden ohne dass jemals einen von ihnen oder ihren Schutzbefohlenen etwas zugestoßen wäre. Doch vor zwei Monaten war ihr Raphaelit der schon 19 Jahre alt war, ein sehr hohes Alter für einen Engel - einfach verschwunden, keiner weiß wohin, er kam von einer Anhörung des Konsistorialiums nicht wieder zurück, selbst der Ab und der Prior konnten nicht sagen wohin er verschwunden war. Da ich die einzige Überlebende unserer ersten Mission die in einer Schlacht mit einer Verderberlibelle endete, war, wurde ich nach meiner Genesung dieser erfahrenen Schar zugeteilt. Und hier war ich nun.

Doch nun übermannte mich die Erschöpfung doch und meine Augen fielen zu. Ich sank in einen unruhigen Schlaf, und durchlitt im Traum noch einmal die Schlacht mit meiner früheren Schar- ich konnte alles genau erkennen, wie einer nach dem anderen verletzt wurde, zu Boden fiel, starb. Ich sah mich selbst wie ich erfolglos versuchte, meine sterbenden Geschwister zu retten, aber ich war so hilflos. Meine Kräfte reichten einfach nicht. Dann spürte ich diesen stechenden und brennenden Schmerz in meiner Schulter, es fühlte sich an als ob mein Flügel herausgerissen würde. Ich begann zu schreien, doch weniger wegen dem Schmerz sondern wegen der Ohnmächtigkeit nicht helfen zu können. Dann wurde alles schwarz um mich. Ich spürte wie mich jemand sanft am Arm berührte und schlug die Augen auf. "Ein Traum?" fragte Nathaniel. "Ja, die Schlacht, meine Geschwister, ich habe alles wieder gesehen - und gespürt!" "Das tut mir so leid für dich" er nahm mich in den Arm. "Es wird alles wieder gut, aber jetzt sei still, sonst weckst du die anderen, wir reden morgen darüber, versuch zu meditieren und dich zu entspannen."

3. Kapitel

Und es kamen zu ihm alle seine Brüder
und alle seine Schwestern und alle,
die ihn früher gekannt hatten,
und aßen mit ihm in seinem Hause
und sprachen ihm zu und trösteten ihn über alles Unglück,
das der Herr über ihn hatte kommen lassen
- Hiob 42, 11

Die restliche Nacht verging ohne Zwischenfälle. Die Sonne war gerade dabei aufzugehen, da gab uns Mariel schon zu verstehen, dass wir uns bereitmachen sollten - es würde ein anstrengender Tag werden. Ich kontrollierte gerade meinen kleinen ledernen Umhängebeutel, ob ich auch nichts Wichtiges vergessen hatte, da klopfte es zaghaft an der hölzernen Tür. "Tritt ein" rief Mariel auffordernd, ihr war bewusst wie ehrfürchtig und ängstlich die Menschen, hauptsächlich die auf dem Land - jenseits der wenigen aber großen Städte leben, mit uns umgehen. Deshalb durften wir ihnen keine Angst machen. Langsam trat ein junges Mädchen ein. Sie hatte ihr Haupt gesenkt und wagte nicht uns anzublicken. Schließlich traute sie sich doch zu sprechen: "Ihr ehrwürdigen Engel des Herrn, … verzeiht bitte, dass ich euch störe, ich bringe Euch ein bescheidenes Mahl." Sie breitete hektisch ein Tuch aus und stellte etwas Reisbrot, getrocknete Früchte, warme Mich und Kräutertee darauf. Schließlich verbeugte sie sich hastig und eilte nach draußen. "Danke!" rief ich ihr noch hinterher, sie drehte sich kurz um und errötete, nickte und lief weiter. Ich erntete einen mitleidigen Blick von Raziel, deshalb wandte ich mich ab und sah zu Boden. Oh, wie sehr mir doch die Herzlichkeit meiner alten Schar fehlte. Trotzdem nahm ich mir ein Stückchen Obst, und sah Mariel nur trotzig an. Ich wusste, dass sie es als Zeitverschwendung ansah - denn wir Engel brauchen nicht unbedingt etwas essen, nur aus Freude oder eben aus Höflichkeit. Aber um zu streiten oder zu diskutieren war mir die ganze Angelegenheit trotzdem nicht wert. Mariel schüttelte nur den Kopf und meinte, "Nun gut, nehmt euch etwas, dann werden wir aber mit unserer Arbeit beginnen!"

Kurze Zeit später traten wir wie am Vorabend auf den Marktplatz. Sofort kann auch wieder der Priester des Dorfes auf uns zu, "Hattet Ihr eine angenehme Nacht? Verzeiht, ich habe mich gestern nicht einmal vorgestellt, Antonio Jeramez ist mein Name. Ich möchte Euch nicht zu nahe treten, aber ich möchte Euch fragen, wie Ihr meiner gepeinigten Gemeinde helfen wollt? "Guter Mann, lass das nur unsere Sorge sein, erwiderte Mariel etwas unfreundlich, setzte aber in einem gütigeren Tonfall hinzu "Das ist Raziel, sie deutete auf den mürrisch blickenden Urielit, er wird die Umgebung nach eventuell zurückgebliebenen Feinden ausspähen." Raziel blickte Mariel tief in die Augen, nickte Antonio kurz zu und erhob sich ohne zu zögern in die Lüfte. Ich blickte ihm nach bis er nur noch als ein winziger Punkt am Himmel zu erkennen war, als ich zu Antonio hinüber sah bemerkte ich, dass er auf die Knie gesunken war und demütig dreinblickte. "Sie könnte ruhig etwas freundlicher sein, der arme Mann zittert ja vor Angst" dachte ich mir. Doch Mariel verteilte schon weiter die Aufgaben. "Aadoniel hier, wird mit ein paar ihrer kräftigsten Männer einige Verteidigungsanlagen errichten, damit Sie in Zukunft besser geschützt sind. Graciel", ihr strenger Blick lastete auf mir, "Du wirst dich zum Lager der Verletzten bringen lassen und deren Wunden behandeln!" "Ja, ich mache mich gleich auf den Weg!" Im Weggehen hörte ich noch wie sie meinte, sie und Nathaniel würden mit Antonio eine Versammlung einberufen um unser weiteres Vorgehen zu besprechen. "Wir treffen uns bei Sonnenuntergang wieder hier auf dem Marktplatz, Graciel!" rief sie mir hinterher. Warum sprach sie mit mir? Den anderen hatte Sie alle genaueren Anweisungen telepathisch übermittelt. Nun, das war wohl die Strafe für mein ungehorsames Verhalten. "Verzeih mein Ungehorsam, Mariel, ich werde mich in Zukunft besser deinen Weisungen fügen, " sendete ich ihr zu, in der Hoffnung meine Botschaft würde sie erreichen. Es tat mir leid, sie war schließlich unsere Michaelitin und es ist ja ihre Aufgabe uns zu leiten und zu führen auch steht es mir nicht zu ihre Verhalten zu kritisieren. Auch wenn ich ihre Gründe nicht immer verstand.

Eine junge Frau führte mich zu einem Gebäude, aus dem beim näher kommen Weinen und Stöhnen zu hören war. Mein Herz klopfte lauter und schneller. Als wir schon an der Tür angelangt waren konnte ich mich nicht mehr zusammenreißen. Ich rief meiner Begleiterin zu: "Bitte warte! Lass mich bitte einen Moment alleine, ich muss erst meine Kräfte sammeln, damit ich den Menschen besser helfen kann." Sie nickte und meinte: "Ich werde schon mal hineingehen, ich komme dann wieder um Sie hineinzugeleiten." Aber kaum dass sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, rannte ich um die Ecke und ließ mich auf den Boden sinken, Tränen liefen mir über die Wangen. "Wie kann ich nur all diesen armen Menschen helfen?" schluchzte ich. Ich konnte keinen meiner Geschwister retten, musste zusehen wie sie starben. Ich starrte auf meine Hände, verfolgte die feinen Linien der Tätowierung. "Warum kann ich nicht schon mehr Macht haben, ist das eine Bewährungsprobe?" ging es mir durch den Kopf "Es wäre doch schon an der Zeit gewesen die Sigil zu empfangen, ich kann doch auch nichts für das schreckliche Unglück, dann hätte ich jetzt bedeutend mehr Kraft." Doch plötzlich wurde ich mir meiner unfrommen Gedanken bewusst und versuchte sie abzuschütteln. "Nur der Herr weiß was richtig ist, seine Wege sind unergründlich" sprach ich laut vor mich hin und das gab mir Mut. Doch bevor ich zurückging zog ich den scharfen glänzenden Dolch aus der durch mein Gewand verborgenen Halterung an meinem Oberschenkel heraus. Ich wollte nie mehr so schutz- und wehrlos sein, deshalb hatte ich mich entschieden nicht mehr zu der Gruppe der Raphaeliten zu gehören die Gewalt verabscheuen. Ich strich mit dem Finger über die scharfe Klinge. Ein Tropfen Blut fiel vor mir auf den Boden, aber schon begann die Tätowierung zu reagieren und die kleine Wunde sich wieder zu schließen. Ich ging zurück zur Tür, da kam auch schon die junge Frau heraus. "Gehen wir hinein, ich werde mein Bestes tun, der Herr steht uns bei, " sagte ich entschlossen zu ihr.

4. Kapitel

Und siehe,
ich will auf euch senden die Verheißung meines Vaters.
Ihr aber sollt bleiben,
bis dass ihr angetan werdet mit Kraft aus der Höhe
- Lukas 24, 49

Leise betraten wir den Raum. Es war ebenfalls eine große Lagerhalle die als Lazarett umfunktioniert worden war. Ich sah mich um. Die Menschen lagen zum Teil auf ihren Betten aber auch nur auf Strohsäcken die mit Leinentüchern bezogen waren und je weiter man in den hinteren Teil des Raumes kam, desto schlechter waren die Verletzten untergebracht. Rechts im hintersten Teil war ein kleiner Bereich mit Vorhängen abgetrennt. Ich sah die junge Frau fragend an und sie flüsterte mir zu: "Dort hinten liegen die Kinder die den Angriff überlebt haben - aber es steht ehr schlecht um sie. Ich überlegte was ich zuerst tun sollte, alle Menschen hier hatten Angst und Schmerzen, aber irgendwo musste ich ja anfangen. Kinder sind neben den Engeln die reinsten und wichtigsten Geschöpfe auf der Welt, sie sind die Zukunft, so hatte ich es gelernt. Also verdienten sie ganz besonders meine Hilfe. Doch zunächst musste ich den Menschen in ihrer schlimmen Lage Mut machen, also räusperte ich mich und versuchte meine Stimme freundlich und vertrauenserweckend klingen zu lassen: "Habt keine Angst, der Herr ist gütig, .., meine Schar und ich sind hier um euch zu helfen." "Mir kann niemand mehr helfen." Wurde ich von einer Frau unterbrochen. Ich stutzte und wandte mich ihr zu. Sie lag gleich neben mir auf einem Bett und wand sich unter ihren Schmerzen, die Augen waren von einem Blutverkrusteten Verband verdeckt und ihr linker Arm war so stark verbrannt, dass er, zumindest von mir, nicht zu retten war. Ich trat nah an ihr Bett und nahm ihre Hand: "Es wird alles wieder gut, du musst nur daran glauben." Sagte ich wie selbstverständlich. "Mein Kind, mein Mann,…" schluchzte sie, "sie sind tot, ich habe alles verloren!" Sie tat mir so leid, aber da ich spürte, dass sich meine Augen schon wieder mit Tränen füllten musste ich etwas tun, sonst würde ich nicht weitermachen können. Sanft legte ich ihr meine Hand auf die Stirn und flüsterte "Schlaf!" Augenblicklich begann sie ruhiger zu werden, ihre Atmung normalisierte sich und die Anspannung in ihrem Körper löste sich. So konnte sie sich zumindest etwas erholen. Ich erhob mich und trat wieder auf meine Begleiterin zu, die gerade den Verband eines Mannes wechselte. Ich half ihr dabei, anschließend gingen wir zum Bereich in dem Die Kinder lagen. Es waren nur fünf Kinder die in den kleinen Behelfsbettchen lagen. Zwei von ihnen waren noch Babys und auch von den anderen drei war keines älter als sechs Jahre. Eines der Babys schrie wie am Spieß. Ich trat and das Bettchen, schloss die Augen und befühlte das kleine Köpfchen. Es hatte aber keine inneren Verletzungen und auch äußerlich war es außer einer Brandwunde am rechten Bein unversehrt. Deshalb hob ich es aus dem Bett und nahm es auf den Arm. Sofort hörte es auf zu schreien. "Es hat Hunger" sprach die junge Frau, "aber die Mutter ist tot. Die des kleinem Jungen ebenfalls." "Gibt es denn keine Amme?" fragte ich, doch dann fiel mir etwas ein: "Wir werden wohl noch länger zusammenarbeiten, du zeigst großes Geschick im Umgang mit den Verletzten und den Kindern, wie ist dein Name?""Philippa" antwortete sie, "es gibt auch keine Amme, und die Kuhmilch verweigern sie, ich weiß nicht mehr weiter". "Ich werde mir etwas überlegen und heute Abend mit den anderen besprechen." Sicherte ich ihr zu. Nach und nach untersuchte ich nun die Kinder, heilte einige leichtere Verletzungen und Philippa wechselte die Verbände. Als alle Kleinen fürs erste einigermaßen versorgt waren, war es schon spät. "Für heute gehen meine Kräfte langsam zu Ende, " stellte ich fest. "Gut, die Kinder sind versorgt und schlafen, Ich danke Dir und dem Herrn für seine Güte." Antwortete Philippa. "Auch dir vielen Dank für deine Hilfe, ich gehe jetzt zu unserer Versammlung und werde versuchen eine Lösung zu finden um die Kinder zu retten. Wir sehen uns morgen bei Sonnenaufgang!" Den letzten Satz rief ich ihr schon im Hinauseilen zu, denn ich war schon spät dran und wollte Mariel nicht verärgern.

Als ich am vereinbarten Treffpunkt eintraf, warteten Raziel und Aadoniel schon ungeduldig. Doch ich fühlte mich leicht und glücklich etwas Sinnvolles getan zu haben und dass ich den Kindern auch etwas helfen konnte, deshalb begrüßte ich sie freundlich und lehnte mich lächelnd an eine Hauswand. Raziel nickte mir zu und Aadoniel erwiderte sogar meinen Gruß. Nun trafen auch Mariel und Nathaniel ein. "Schön dass ihr alle schon da seid!" sendete sie uns zu, dann fuhr sie mit lauter Stimme fort, "Bitte berichtet mir über eure Erfahrungen, Raziel? Beginnst du bitte?" "Ich bin die Gegend im Umkreis von einigen Kilometern abgeflogen und habe außer einem toten Feuerkäfer keinerlei Traumsaatvorkommen gesehen, mich beunruhigt aber dass es ebenso kaum noch Tiere, nicht einmal Kaninchen mehr gibt. Es scheint als hätten sich die Abgesannten des Herrn der Fliegen den Menschen auch alle Ausweichnahrung genommen, denn auch hier im Dorf gibt es nur noch ein dutzend Schweine und Kühe." "Das klingt natürlich nicht gut, doch ich habe mich entschieden dich zu Aadoniels Gruppe zuzuteilen, denn momentan ist noch genug Reis und Gemüse da um die Gemeinde zu ernähren." Erwiderte Mariel. "Aadoniel kommst du gut zurecht?" "Ja aber ich bin natürlich glücklich über Raziels Hilfe, ich kann jede helfende Hand gebrauchen, denn es ist wirklich viel zerstört." Meldete sich Aadoniel zu Wort. "Wie sieht es mit den Verletzten aus, und Brauchst du Hilfe Graciel?" richtete sie ihre Frage an mich. "Ich habe mich heute hauptsächlich um die wenigen überlebenden Kinder gekümmert. Ich muss leider sagen, dass meine Kräfte nicht reichen um sie ganz gesund zu machen, denn sie sind sehr geschwächt und die Babys haben weder eine Mutter noch ein Amme und Kuhmilch nehmen sie nicht an. Deshalb schlage ich vor die Kinder in ein nahes Raphaelitenkloster oder in ein Hospiz zu bringen." Ich hoffte sie würde mich verstehen und meinen Vorschlag gutheißen. "Und die restlichen Menschen kannst du versorgen?" fragte sie. "Ja ich habe Hilfe durch eine junge Frau. Es sind zwar unheimlich viele aber ich denke ich werde es schaffen, ich würde nur gerne die Kinder in Sicherheit wissen." Ich sah sie forschend an und schließlich meinte sie: "Gut ich werde mir bis morgen überlegen ob wir Nathaniel, Raziel und dich für einen Tag entbehren können. Morgen macht ihr nochmals so weiter wie heute und am Abend treffen wir uns wieder. Dann werde ich euch meinen Entschluss mitteilen und nochmals unser weiteres Vorgehen besprechen. Nun sollten wir uns ausruhen, morgen ist wieder ein anstrengender Tag." In unserem Nachtlager angekommen, setzte ich mich erschöpft aber glücklich an Nathaniel Seite. Ich begann zu meditieren und fand seit langer Zeit das erste Mal Ruhe und Erholung. Ich glaubte fest daran, dass Mariel mir zustimmen würde.

5. Kapitel

Wem viel gegeben ist,
bei dem wird man viel suchen;
und wem viel anvertraut ist,
von dem wird man um so mehr fordern
- Lukas 12, 48

Schon früh vor den anderen wurde ich wach. Seit langen fühlte ich mich erstmals wieder erholt und frisch. Das war auch sehr gut so, denn ich hatte noch einen besonders anstrengenden Tag vor mir. Ich wollte noch möglichst viele Menschen behandeln und die Kinder für den Transport fertig machen, damit am nächsten Tag alles klappen würde. Leise ging ich nach draußen. Ich sah mich um, es war fast noch dunkel, nur ganz im Osten sah man die ersten Anzeichen des bevorstehenden Sonnenaufgangs. Ich streckte mich und atmete einmal tief durch, dann schlug ich dreimal kräftig mit den Flügeln und begann abzuheben. Schon nach ein paar kräftigen Flügelschlägen hatte ich eine angenehme Höhe erreicht. Die rechte Schulter und der Flügel schmerzten kaum noch und die vertrauten Bewegungen taten gut. Ich bemühte mich bei Gleichbleibender Höhe auf einer Stelle zu fliegen, zog den kleinen Dolch aus der Halterung und hielt ihn wie ein kleines Schwert vor mich auf meinen imaginären Gegner zu. "Ein Schwert wäre eine viel effektivere Waffe" bemerkte ich "Nach unserer Rückkehr in den Himmel, werde ich mich an Kendor wenden." Vielleicht empfange ich dann ja auch endlich die Sigil, wenn alles hier gut klappt." Leise flüsternd fügte ich dem noch hinzu: "Endlich mehr Macht und keine Hilflosigkeit mehr!" Schließlich landete ich nach der kleinen Runde über das Dorf wieder auf der Stelle an der ich losgeflogen war. Ich wollte mich nur kurz noch am Brunnen erfrischen und dann zu den anderen zurückkehren. Als ich eintrat war Mariel schon wach und auch die anderen begannen munter zu werden. "Du warst schon draußen?" hörte ich Mariels Stimme in meinem Kopf. "Ja ich fühlte mich schon so erholt und wollte euch nicht stören, deshalb war ich nur etwas vor der Tür." "Ist gut, aber spar dir deine Kräfte für die Verletzten auf." Ihre Stimme klang tadelnd, aber sie lächelte, darum lächelte ich einfach zurück, wandte mich ab und holte meinen Beutel. Schon wenige Minuten später traf sich unsere kleine Runde wieder auf dem Marktplatz. "Ich will euch gar nicht lange aufhalten, Ich habe heute Nacht schon viel nachgedacht, also wir machen heute erst mal weiter wie bisher. Wenn wir mit unserer Arbeit gut vorankommen, kann ich euch heute Mittag schon näheres wegen der Kinder sagen, aber ich denke wir können zuversichtlich sein und Graciels Vorschlag verwirklichen. Ich werde alle notwendigen Vorbereitungen treffen. Nun geht und tut was der Herr euch aufgetragen hat." Endete sie ihre kleine Ansprache. Schnell eilte ich zum Lazarett wo Philippa schon auf mich wartete.

Wir begannen sogleich mit der Arbeit. Zunächst versorgten wir wieder die Kleinen, dann begaben wir uns in der großen Teil der Halle in der die vielen verletzten Erwachsenen lagen. "Wir beginnen hier hinten, denn diese armen Leute sind schlechter untergebracht als die anderen. Deshalb werden wir uns um sie zuerst kümmern, an der Unterbringung müssen wir unbedingt etwas ändern, so kann es ja nicht weitergehen." "Ja, aber wir haben nichts, " erwiderte Philippa. "Philippa, ich muss dir noch etwas sagen, wir werden morgen die Kinder in ein Raphaelitenkloster bringen, ich werde also nicht da sein. Kommst du alleine zurecht?" "Ihr,...Ihr bringt meine, äh, nein ich meinte, die Kinder weg?" antwortete sie mit Tränen in den Augen. "Ja es ist die einzige Möglichkeit sie zu retten, außerdem werde ich neues Verbandszeug und Bettwäsche mitbringen." Sie tat mir leid, aber es ging ja nicht anders. Doch dann schüttelte sie den Kopf und sprach mit wieder klarer Stimme weiter "Es ist das einzig Richtige was zu tun ist, ich danke euch, bitte verzeiht meine Eigensinnigkeit." "Es ist gut, ich verstehe dich ja. Nun, lass uns weiter machen." Schließlich arbeiteten wir ununterbrochen weiter. Wechselten Verbände, sprachen Trost zu, gaben den Leuten Tee und Reis. Ich war so vertieft in meine Arbeit, dass ich nicht merkte, dass Nathaniel den Raum betreten hatte. Ich bemerkte ihn erst als ich fast mit ihm zusammenstieß. "Hallo Graciel!" "Oh, Hallo, was führt dich denn hierher?" fragte ich ihn verwundert. "Mariel schickt mich, Ich soll dir sagen, dass du, Raziel und ich morgen bei Sonnenaufgang mit den Kindern aufbrechen können." "Das ist ja wunderbar, - gepriesen sei der Herr!" vor Freude fiel ich meinem Bruder stürmisch um den Hals. "Kann ich dir noch helfen kleine Schwester?" "Wenn du Zeit hast, du könntest Philippa helfen neuen Tee zu kochen und ein bisschen mit den Leuten reden. Vor allem die junge Frau ganz vorne, es geht ihr schlecht und sie hat alles verloren. Ich hatte noch nicht die Gelegenheit mich intensiver um sie zu kümmern. Dann kann ich schon mal die Kleinen auf die Reise vorbereiten." Sein Nicken genügte mir als Antwort, und sogleich eilte ich zu den Kindern. "Ach fast hätte ich es vergessen, " ich kehrte noch einmal um und drückte Nathaniel ein kleines Fläschchen mit einer milchigen Flüssigkeit in die Hand. "Wenn Sie zu starke Schmerzen hat, kannst du ihr davon etwa die Hälfte geben. - Und vielen Dank"

Nachdem alle Wunden der Kleinen neu verbunden waren, die Babys frisch gewickelt und ich den älteren zu essen gegeben hatte, schickte ich sie in einen tiefen Schlaf, denn sie sollten für die anstrengende Reise gut ausgeruht sein. Anschließend packte ich noch einen Beutel mit Reis, Tee und Windeln. Doch bevor ich wieder zu den anderen ging, blieb ich am Bettchen des kleinen Mädchens stehen. Ich betrachtete es ein Weilchen wie es so ruhig schlief, dann hob ich es vorsichtig heraus. Es fühlte sich so warm und schön an. "Hmmm...." Ich sog den süßen Duft ein der von allen Babys ausgeht und drückte es fest an meine Brust. "Dir wird nichts passieren, ich passe auf dich auf." Flüsterte ich ihr zu. Plötzlich schreckte ich zusammen, ein seltsames Bild zog innerlich vor meinen Augen vorbei. Es zeigte eine Mutter mit einem kleinen blonden Mädchen an der Hand und einem Baby auf dem Arm. Ich kannte diese Menschen nicht, aber das Bild kam mir seltsam vertraut vor. Verwirrt kniff ich die Augen zusammen und schüttelte den Kopf um das Bild zu vertreiben. Es verschwand so schnell wie es gekommen war. Doch es hinterließ ein seltsames Gefühl. Und als ich das Baby auf meinem Arm noch einmal anblickte, kam mir in den Sinn, dass ich wohl niemals ein Kind haben würde. Dieser Gedanke wurde wie ein Tadel Gottes mit einem Stich in meinem Unterleib begleitet. Schnell legte ich das Kleine wieder in sein Bettchen, sank auf die Knie und schickte ein leises entschuldigendes Gebet zum Herrn. "Wie komme ich nur darauf? Ich bin ein Engel, wir sind rein, und können Kinder weder zeugen noch bekommen, wir sind doch alle gleich, diese Aufgabe ist doch den Menschen auferlegt." "So etwas seltsames, oh, Herr verzeih." Sprach ich kopfschüttelnd vor mich hin und kehrte zu den anderen zurück.

Ein wenig umsorgten wir noch gemeinsam die Verletzten, dann wurde es schon dunkel. Mit der Dunkelheit kam auch die Müdigkeit über mich. Mariel meinte es gehe alles in Ordnung sie hätte mit Raziel die Route schon geplant und es dürfte nichts schiefgehen. Bei Sonnenaufgang wollte sie uns dann verabschieden. Deshalb sollten wir uns gleich Ausruhen, der Flug würde anstrengend werden. Froh mich ausruhen zu können begab ich mich zu meinem Lager. Ich war so erschöpft, dass ich nicht einmal mehr über das Bild das ich gesehen hatte nachdenken konnte denn ich versank sofort in Meditation.

6. Kapitel

Er hat seinen Engeln befohlen,
dass sie dich behüten
auf allen deinen Wegen.
- Psalm 91, 11

„Nein, nein, bitte nicht. Graciel, hilf mir, schnell!“ Ich blinzelte müde, dachte es wäre wieder einmal ein Traum. Doch nun hörte ich wieder die Hilferufe und mir wurde bewusst, dass ich nicht träumte. Es war Philippas Stimme die mich und die anderen aus der Meditation gerissen hatte. Nun sprang ich auf und rannte hinaus in die Nacht. Da sah ich schon wie Philippa mit einem großen Bündel auf dem Arm auf mich zu gestolpert kam. „Was ist passiert?“ rief ich ihr zu. Doch vor weinen und weil sie so außer Atem war brachte sie kein Wort heraus. Als wir aufeinander trafen fiel sie vor mir auf die Knie und legte ihre schwere Last zu Boden. Auch ich sank zu Boden und als ich erkannte was sie so eilig hierher geschleppt hatte erschrak ich. Es war das älteste der Kinder. Ein etwa sechsjähriger Junge. Doch er bewegte sich nicht und sein Gesicht war bläulich angelaufen da er nicht mehr atmete. Ich zog ihn zu mir und befühlte seinen Kopf, überprüfte ob noch irgendwelche Lebenszeichen zu erkennen waren. Doch ich merkte schnell, dass ich ihm nicht mehr helfen konnte, der Junge war tot. „Tu doch etwas, bitte Graciel, so hilf ihm doch!“ flehte sie mich an. „Philippa, ich kann nicht, der Kleine lebt nicht mehr. Es tut mir leid.“ Die letzten Worte konnte ich nur noch flüstern. Doch sie konnte es nicht verstehen, begann hysterisch an zu schreien: „Du hast doch eine Macht, die wir Menschen nicht verstehen, los, setz sie ein, hilf dem Kind. Es ist doch so unschuldig!“ „Aber, nein, das geht nicht. Ich kann Verletzungen heilen, aber nicht Tote zum Leben erwecken.“ Auch ich hatte nun meine Stimme erhoben. „Was geht hier vor?“ Mariels strenge Stimme unterbrach uns. Auch die anderen waren mit nach draußen gekommen um herauszufinden was hier los war. „Das Kind ist tot, ich konnte nichts tun.“ erwiderte ich. „Nathaniel, Raziel, geht mit Graciel wieder hinein, ihr müsst euch ausruhen, bald geht die Sonne auf, dann müsst ihr bereit sein. Aadoniel, komm mit mir. Diese Frau soll das Kind zur Beisetzung vorbereiten, wir kümmern uns um die Messe.

Verstört saß ich auf meinem Lager und dachte über die Geschehnisse nach. Nathaniel setzte sich zu mir und legte seinen starken Arm um mich. „Wir sind noch nicht einmal losgeflogen, und schon ist ein Kind tot – und ich konnte nichts ausrichten, “ schluchzte ich. „Du musst dich ausruhen, der Flug wird sehr anstrengend, versuche nicht daran zu denken, “ tröstete er mich. Ich versuchte mich zu konzentrieren und tatsächlich fand ich noch etwas Ruhe.

Die ersten Sonnenstrahlen vielen durch das Fenster. Ich sprang auf und rieb mir die Augen, von den anderen war keiner mehr im Raum. Schnell eilte ich nach draußen. Die Vorbereitungen waren schon weit fortgeschritten. Es lag ein Tragegestell, in dem Raziel die beiden Kleinkinder befördern konnte, sodass er trotzdem seine beiden Hände frei hatte, und zwei Tragetaschen aus Leinentücher für Nathaniel und mich und die beiden Babys bereit. Außerdem gab es noch etwas Proviant und einen Lederbeutel den wir im Kloster mit Arznei und Verbandszeug füllen wollten. „Da bist du ja endlich, bist du dir sicher dass du es schaffst?“ sendete mir Mariel zu. Sie war an mich herangetreten und legte mir ihre Hand auf den Arm. „ja, ich werde es schaffen, ich muss sie retten.“ Sendete ich zurück, denn ich wollte nicht dass sie hörte wie meine Stimme zitterte. Kurze Zeit später standen wir zum Abflug bereit. Mariel sprach ihre Segensworte, und wünschte uns Glück auf unserer Mission. Schließlich begannen wir kräftig mit den Flügeln zu schlagen und ließen so schnell den schmutzigen Marktplatz unter uns. Noch einmal winkte ich meinen zurückgebliebenen Schargesschwistern und den Menschen des Dorfes zu, bevor ich mich wieder fest auf das Fliegen konzentrierte. Schon nach einem kleinen Stück übernahm Raziel die Führung unserer kleinen Gruppe. Trotz seiner Last flog er geschmeidig und mühelos. Seine adlerscharfen Augen würden jede Gefahr schon in größter Entfernung entdecken. Neben mir flog Nathaniel, seine langen hellblonden Haare flatterten im Wind. Er wirkte so stark und auch edel. Da es nichts Besonderes zu sehen gab und mein Gefühl und die Routine eines einfachen Fluges mich schon nicht gegen einen Baum fliegen lassen würde, beobachtete ich Nathaniel ein wenig. Auch er flog nicht konzentriert, sondern blickte auf das Baby, das fest an seinen Körper gewickelt war. Ein warmes Gefühl breitete sich bei diesem Anblick in meinem Körper aus und ich dachte wieder an die seltsamen Geschehnisse auf der Krankenstation. „Wunderbar, nicht?“ riss mich Nathaniels Stimme aus meinen Gedanken. „Verzeih, was meinst du? Ich hab gerade nicht aufgepasst.“ „Die Babys natürlich, welch wunderbare Geschöpfe. Die Menschen können sich glücklich schätzen.“ Erklärte er. „Ja in gewisser Weise, sicherlich. Doch Menschen sind Menschen und wir sind Engel uns ist ein ganz anderes Schicksal bestimmt.“ Erwiderte ich. Doch gerade als Nathaniel antworten wollte kam Raziel auf uns zugeflogen. „Stopp, nicht weiter!“ rief er uns zu. Wir warteten bis er bei uns angelangt war. „Was ist los? Warum können wir nicht weiter?“ fragte ich ihn. „Seht ihr den Wald dort? Wir müssen dort hin, aber ich war gerade ein kleines Stück darüber, als ich vier Feuerkäfer entdeckt habe! Ich konnte noch umkehren bevor sie mich entdeckten, aber ich glaube sie haben unsere Witterung schon aufgenommen.“ Berichtete er hastig. „Kampf oder Flucht, schnell wir müssen uns entscheiden!“ rief Nathaniel. Ich sah in die Richtung aus der Raziel gekommen war. „Seht, da, sie kommen schon!“ bemerkte ich bestürzt. „Für Flucht ist es zu spät, mit der Last wir sind zu langsam, wir werden kämpfen!“ entschied Raziel. Meine Gedanken überschlugen sich, was sollte mit den Kindern geschehen? Ein Kampf mit ihnen war unmöglich. Aber die Entscheidung wurde mir schon abgenommen. Nathaniel drückte mir das Bündel mit dem Baby in die Arme. „Graciel, du gehst in Deckung, Beschütze die Kinder!“ Schon wandte er sich um und flog auf die Feinde zu. Er zog sein Schwert, und ich konnte den Blick nicht davon abwenden, das furchterregende Brummen der Käfer wurde immer lauter. Doch Raziel zog mich grob am Arm und mit sich. Ich konnte mit der rasenden Geschwindigkeit, mit der er dem Waldrand entgegenstürzte kaum mithalten. Sekunden später setzten wir aber heil auf dem weichen Boden auf. „Verhalte dich still, und achte auf die Kinder!“ herrschte er mich an während er das Tragegestell von seinem Körper löste. „Nein, ich kann euch helfen! Rief ich ihm zu, doch er war schon auf dem Weg zu Nathaniel, der bereits den Feuerstrahl eines Traumsaatkäfers mit seinem Schwert abwehrte. Vermutlich war es wirklich besser hier zu bleiben, was hatte ich denn schon als Waffe anzubieten. Der kleine Dolch würde mir keine große Hilfe sein. Also kümmerte ich mich zuerst einmal um die Kinder und beobachtete schließlich die Kampfszene. Schon im Anflug hatte Raziel einen der feuerspeienden Biester mit einem Pfeil niedergestreckt. Es fiel wie ein schwarzer Stein zu Boden und bewegte sich nicht mehr. Der Urielit war wirklich ein ausgezeichneter Schütze. Auch Nathaniel hatte schon einen vernichtet. Doch nun hatte sich einer der übrig gebliebenen Käfer an Nathaniels Schulter festgebissen. Raziel wollte es seinem Bruder vom Körper schießen bevor die Traumsaatkreatur sein Maul öffnen und Feuer speien konnte. Doch da wurde er ebenfalls angegriffen und musste sich mit seinem Kurzschwert selbst verteidigen. Nathaniel war auf sich allein gerichtet. Ich widerstand dem Drang hinaufzufliegen um ihm zu helfen. In gleichen Moment fing eines der Kinder an zu schreien, nein, es brüllte richtig. So laut, dass die Kreatur mit der Raziel kämpfte kurz innehielt, von ihrem Ziel absah und nun auf unser „Versteck“ zugeflogen kam. Ich nahm das Kind auf den Arm um es zu beruhigen, da ich hoffte sie würde uns so wieder aus den Augen verlieren. Es hatte keinen Zweck, sie steuerte weiter auf mich zu. Schnell legte ich die Kinder hinter einen liegenden Baumstamm und zog meinen Dolch zur Verteidigung. Aber kurz bevor mich die Kreatur erreichte zischte ein grüner Pfeil durch die Luft und schlug direkt neben mir in einen Baum ein. Auch das schreckliche Summen hatte nun aufgehört. Als nach dem Pfeil sah, bemerkte ich dass der Feuerkäfer aufgespießt am Baum hing. Ich atmete auf, doch dann fiel mir Nathaniel ein, der gerade noch in großer Gefahr war. Doch auch er hatte seinen Gegner bezwungen indem er ihn mit seinem Schwert praktisch von seiner Schulter abgesäbelt hatte. „Danke, Raziel!“ konnte ich nun endlich antworten. „Geht es euch allen gut? Bruder, du bist verletzt!“ erwiderte dieser an Nathaniel gewandt. „Es geht schon, es ist nicht allzu schlimm, sind die Kinder in Sicherheit? „Ja, hier hinten sind sie. Komm lass mich deine Wunde heilen.“ Meldete ich mich zu Wort. Nachdem alle Wunden versorgt, und wir uns etwas ausgeruht hatten, mussten wir schon wieder aufbrechen. „So, lasst uns weiter fliegen, der Weg ist noch weit, und wir sind schon spät dran.“ Meinte Raziel. Also brachen wir auf, und hofften auf keine weiteren bösen Überraschungen zu stoßen.


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