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KleinesLeben


Ein kleines Leben geht vorbei...

PaulHerbich (Waffi)

  1. Ein kleines Leben geht vorbei...
    1. Einleitung
    2. Kapitel 1
    3. Kapitel 2
    4. Kapitel 4
    5. Kapitel 5
    6. Kapitel 6

Einleitung

Elias stand in dem Reisfeld und suchte nach seinem Messer. Er hatte es von Peppino, dem Krämer geschenkt bekommen. Zwar war es alt und abgewetzt, der Holzgriff abgegriffen und doch war es etwas besonderes. Denn Peppino war Elias’ einziger Freund. Niemand anderes verstand ihn – oh, das lag nicht am Sprechen, Elias sprach ohnehin nicht – sondern mehr an seiner Lage.

Elias war 6 Jahre alt. Sein Vater war Reisbauer in den saftigen Weiten des geheiligten Landes welches früher einmal Italien geheißen hatte. Zwar wohnten sie im weniger besiedelten Süden, doch hatte Elias Vater einen gutgehenden Hof.

Elias hasste seinen Vater. Wahrscheinlich war er gar nicht sein Vater. Inzwischen hatte er herausgefunden, das andere Kinder auch eine Mutter hatten. Ohne Mutter keinen Vater. Also war er nur ein Mann der sich als sein Vater ausgab. Er hasste ihn für das was er ihm antat obwohl er es nicht verstand. Er tat ihm weh und schlug ihn, besonders wenn er getrunken hatte.

Und noch viel Schlimmeres… Elias war sich sicher: sein Vater war vom Herrn der Fliegen gesandt worden.

Doch als er das einmal gegenüber Tosk – dem Dorfpfarrer – erwähnt hatte, da war dieser zu ihm gelaufen und hatte es ihm Erzählt. Ob denn alles in Ordnung wäre, hatte er Elias Vater gefragt. Elias hatte anschließend geglaubt, jetzt müsse er sterben. 5 Tage konnte er nicht aufstehen, so war er verprügelt worden.

Und das war schlimm, denn Elias musste normalerweise Kochen und für den Haushalt suchen, zum spielen kam er nur sehr selten. Gerade hatte er etwas Zeit gehabt und sich ins Reisfeld zurückgezogen, da hatte Franko – so hieß sein Vater – nach ihm gerufen.

Vor Schreck hatte der kleine Junge das Messer fallen gelassen und wühlte nun im schlammigen Wasser danach.

"Eliaaaaaas! Du dreckige Ratte komm sofort her oder du kannst was erleben.“ Der Junge wusste, dass Franko es bitterernst meinte, doch Peppinos Messer war wichtiger. Seine kleinen Hände wühlten und suchten, doch finden konnten sie es nicht.

Stampfend, schreiend und drohend näherte sich Franko. Elias bekam Angst. Große Angst. Als er sich das erstemal umblickte sah er, dass sein Vater die Ochsenpeitsche vom Wagen mitgenommen hatte. Seine Augen weiteten sich, denn er konnte sich trotz seiner Jugend ausmalen was gleich geschehen würde.

"Du Nichtsnutz, komm! Beutereiter sind in der Nähe. Willst du dass sie dich holen kommen?“ rief er mit seiner heiseren Stimme. Elias bekam noch mehr Angst. Das einzige was in seiner Phantasie seinem Vater an Schrecken gleichkam waren die in schwarzes Leder gekleideten Häscher der Angelitischen Kirche.

Er wollte nur noch weg. Ganz weit weg. Oder zu Peppino. Ja, vielleicht konnte der ihm ja helfen. Seine Panik nahm nur noch zu als er feststellte, dass seine kleinen Füße inzwischen im Schlamm versunken waren und er sich kaum bewegen konnte. Panisch zerrte er an seinen Füßen während das Getrampel und gestapfte seines Vaters immer lauter wurde. Bestimmt würde er gleich bei ihm sein. Elias verstärkte seine Anstrengungen – und riss sich frei. Der restliche Schwung ließ ihn rücklings in das Reisfeld fallen und mit einem Gurgeln versank er unter Wasser.

Er wand sich um wieder hoch zu kommen als ihn die Pranke seines Vater an den Haaren packte und einfach nach oben riss. Sofort erhob der kleine Junge schützend die Arme, auch wenn sie ihn nicht vor dem heranrasenden Faustschlag schützen konnten. Ein großes Büschel Haare wechselte den Besitzer als Elias’ Kopf zurückgeschleudert wurde. Doch bevor er abermals in das warme Wasser fiel packte ihn Frankos Faust am Kragen, zog ihn hoch und dann stürzte ein Hagel von Hieben auf ihn nieder. Sein Vater schrie unermüdlich auf ihn ein während er ihn weiterhin traktierte.

Auch Elias schrie, aber er wehrte sich nicht. Es hatte keinen Sinn. Anfangs hatte er sich gewehrt, aber dann war er nur noch stärker gehauen worden. Eines Tages würde er groß genug sein um sich wehren zu können. Immer wieder traf ihn seines Vater rechte Faust: im Magen, an der Brust im Gesicht… Und plötzlich hörte er auf. Vorsichtig blinzelte er aus zugequollenen Augen als eine Zeit lang weiterhin nichts passierte. Erst als er ihn Sah konnte Elias den schwarzen Reiter hören.

Dabei konnte ein so riesiges Pferd gar nicht zu überhören sein. Nur das Trampeln der Hufe auf dem schmalen Pfad der sich durch die Reisfelder zog war zu vernehmen, sonst nichts. Kein Wind, kein Wiehern, keine Vögel. Das Pferd war pechschwarz, genau wie der Reiter der auf ihm saß.

Gefettetes, schwarzes Leder panzerte ihn und alles Metall war geschwärzt. Nur der Sattel und das Zaumzeug waren aus alten, dunkelbraunen Lederstücken gearbeitet. An einer Seite hing ein langes Schwert, so gewaltig wie Elias noch nie eines gesehen hatte. Und er kam direkt auf sie zu. Das war das Erstemal, dass Elias seinen Vater erstaunt sah.

Der Beutereiter stoppte neben ihnen, stieg ab und kam durch das Wasser auf sie zu. Franko setzte seinen Sohn benommen ab und straffte sich. Der Junge wagte vor Angst kaum zu atmen. Beide seiner Alpträume schienen ihn auf einmal heimgesucht zu haben – Gott musste ihn hassen.

Dabei hieß es, Gott liebe alle Kinder. Erst jetzt wurde sichtbar, dass der Reiter ein Riese war und seinen Vater noch um einen Kopf überragte. Sein Gesicht war nicht zu erkennen, denn er trug einen Helm mit breiter Metallkrampe und eine Eisenmaske welche sich bis kurz unter die Augen zog. Diese selbst lagen so tief im Schatten, dass sie kaum zu erkennen waren.

Er roch nach altem Leder, Schweiß und Lederfett. Wortlos blieb er vor den beiden stehen und musterte sie. Dann kniete er vor Elias nieder, zog einen seiner schweren Handschuhe aus und fasste ihm vorsichtig ans Kinn. Seine Berührung war ganz sanft, so sanft wie Elias noch nie jemand berührt hatte. Trotzdem zuckte er zurück, denn er konnte es nicht ausstehen angefasst zu werden.

Vor allem von seinem Vater nicht. Panik stieg in ihm hoch, er drehte den Kopf weg und konnte dem Blick des anderen nicht standhalten. Elias unterdrückte einen Aufschrei und versuchte die Tränen hinunterzuschlucken. Es gelang nicht ganz. Der schwarze Riese nickte langsam und erhob sich wieder. Franko öffnete und schloss seine Fäuste, untätig etwas zu tun.

"Dieses Kind wird als Zehnt an die Angelitische Kirche gehen. Schätze dich glücklich Bauer Gott wenigstens so einen Dienst erweisen zu können.“ grollte der Riese und schlug Elias’ Vater ansatzlos ins Gesicht. Dieser kippte mit einem überraschten Aufschrei nach hinten über und klatschte neben seinem Sohn ins Wasser.

"Für deine Sünden.“ Meinte er schlicht. "Komm.“ Sagte er um vieles sanfter und streckte die Hand nach dem neben ihm winzig anmutenden Jungen aus. Fassungslos schaute Elias zu Franko der sich stöhnend aufrichtete und stark aus der Nase blutete, wohlweislich aber nichts sagte. Peppinos Messer steckte in seinem linken Unterarm und mit schmerzverzerrtem Gesicht zog er es heraus und schmiss es fort. Platschend versank es im Feld. Vielleicht waren Beutereiter gar nicht so schlimm. Elias ließ die Hand stehen, klappte den Mund zu und nickte. Die Hand ergriff er nicht, doch folgte er dem anderen auch so.

Er blickte sich nicht noch ein einziges mal um.

Kapitel 1

Eliael war mit 7 Jahren einer der jüngsten Engel im Himmel zu Roma Aeterna. Und gleichzeitig einer der vielversprechendsten. Er war außerdem schon sehr reif für sein Alter, fürsorglich und freundlich und mit Sicherheit von Gott für Großes auserwählt.

Eliael war jedoch auch in mancher Hinsicht komisch: er konnte es nicht leiden wenn man ihn anfasste und er schlief oft schlecht. Die Monachen, insbesondere seine Nonna hatten es anfangs sehr schwer mit ihm umzugehen. Zuerst Sprach Eliael kein Wort mit anderen. Erst nach und nach, mit viel Arbeit und Schweiß konnte ein vertrauensvolles Verhältnis entstehen.

Eines Nachts betete er allein in einer kleinen Nebenkapelle der Kathedrale. Es roch nach Weihrauch und seine Gedanken begaben sich auf Reisen. Er dachte nach. Grübelte über das was man ihn heute gelehrt hatte und verinnerlichte es. Gott hatte ihm Kraft gegeben, ein neues Leben, einen neuen Sinn.

Er war so in sein Gebet versunken, dass er die Männer erst bemerkte, als sie schon fast bei ihm waren. Sie standen um ihn herum und starrten ihn an. Irritiert erkannte er das Zeichen der Kirche auf ihren Roben. Es waren Gottesdiener. Custodi – Gardeleute der Inquisition.

Fragend schaute er sie an.

"Eliael, komm bitte mit uns." Forderte ihn ein stämmiger Mann mit spitz geschnittenem Vollbart auf. "Was möchtet ihr von mir?" verlangte er zu wissen. "Wir möchten, dass du kurz mit uns kommst und ein paar Fragen beantwortest. Kein Grund zur Sorge, es dauert nicht lange."

Eliael erhob sich und wurde von den Custodi in die Mitte genommen. Was sollte er auch sonst tun? Er fand es zwar seltsam, aber diesen Männer musste man trauen.

Die seltsame Prozession begab sich in eine andere Kapelle die abgeschiedener lag. Im düsteren Licht des nächtlichen Himmels reichte ihm ein massiger Geistlicher einen Kelch und bedeutete ihm zu trinken. Das Zeichen der Inquisition har auf seinen Roben deutlich zu sehen. Ein Inquisitor! Da Eliael von einem Mann Gottes nichts zu befürchten hatte, setze er den juwelenbesetzen Prunkkelch, der im dämmrigen Licht schimmerte, an seine Lippen und nahm einen tiefen Zug.

Wein. Offensichtlich ein Versöhnungsritus. Er wusste nicht warum der Ritus notwendig war, jedoch wollte er sich kooperativ und freundlich zeigen. Immerhin war er Michaelit. Außerdem bedeutete es auch eine Ehre, mit Gott auf diese Weise vereint zu sein.

Als er ihn zurückgegeben hatte herrschte Schweigen. Gerade wollte der Engel die um ihn herumstehenden Gottesdiener etwas fragen, da musste er feststellen, dass seine Zunge ihm nicht länger gehorchen wollte. Seine Augen weiteten sich und er versuchte sich durch Gesten verständlich zu machen. Seine Arme bewegten sich kaum und eine tiefe Benommenheit breitete sich langsam in seinem Geist aus. Er kämpfte dagegen an – sinnlos.

Langsam zog ihn das Gewicht seiner Flügel nach hinten als die Muskulatur immer schwächer wurde und das letzte was er fühlte waren starke Arme die ihn auffingen.

Dann war nur noch Dunkelheit.

Er erwachte mit einem ekligen Geschmack im Mund. Benommen richtete er sich auf. Staub verklebte seine Augen und bedeckte seine schmalen Lippen. Das fahle Licht der Kammer blendete ihn dennoch. Es gab kein Fenster, dennoch erfüllte diffuses Licht den Raum. Irritiert schaute sich Eliael um. Vier graue Wände, ein schmutziger, von Dreck und Staub verkrusteter Fußboden und eine ebenfalls graue Decke. In eine der Wände war eine graue Tür aus Metall eingelassen. Und in einer Ecke stand ein einfacher Holzeimer. Er schaute an sich herab. Schmutzig war er, seine Robe zerrissen, seine Flügel schmutzig. Was war geschehen? Langsam kehrte die Erinnerung wieder.

Er hatte gebetet. In der Kapelle. Dann waren Männer gekommen – Inquisition! Sie hatten ihn mitgenommen.

Warum?

Diesem Männer waren doch extrem Gottesfürchtig. Das hatte Eliael gelernt. Und er war ein Engel des Herrn. Was hatte sie dazu bewogen ihn derart schlecht zu behandeln? Fragen erfüllten seinen Geist. Der junge Michaelit suchte alle Wände ab und hämmerte mit den Fäusten gegen die dunkelgraue Metalltür, doch niemand öffnete.

Sicher würde er bald Antworten erhalten. Und neue Kleider. Jemand würde ihm sagen, dass alles in Ordnung sei und er das hier würde vorüber sein. Also beschloss Eliael zu warten. Er setzte sich auf den Boden und blickte mit leeren Augen vor sich hin. Die Zeit verging quälend langsam.

Nichts geschah. Die Tür öffnete sich nicht. Niemand meldete sich bei ihm. Niemand kam. Niemand stellte Fragen oder gab Antworten. Man hatte ihn vergessen. Ganz sicher. NEIN! Das durfte nicht sein. Von Panik erfüllt fuhr er hoch um abermals gegen die Tür zu trommeln.

Nichts geschah.

Warum taten sie das? Sie mussten doch einen Grund dafür haben ihn einzusperren. Langsam begann er Hunger zu verspüren. Wie lange war er schon hier? Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Seine Augen brannten. Wieder warten. Stunden (Tage? Minuten?) verstrichen. Alles war still. Kein Geräusch drang zu ihm durch. Auch wenn er die Ohren an die Wände oder die Tür legte hörte er nichts. Nur seine Robe raschelte und seinen Atem konnte er vernehmen. Sonst nichts.

Irgendwann war er zu müde um noch länger wach zu bleiben. Außerdem quälte ihn der Hunger. Er kniete sich auf den schmutzigen Boden, versuchte zu meditieren, sank aber schon bald in einen tiefen Schlaf.

Später erwachte er wieder und es war Dunkel um ihn. Eliael brauchte lange um zu begreifen wo er war. Als die Erinnerung zurückkehrte stieg Panik in ihm auf. Er verspürte das Verlangen sich einfach zusammenzurollen und zu weinen. Aber das war keine Lösung. Und schließlich war er ein Engel. Darum kämpfte er dagegen an und rang die Tränen tapfer nieder. Langsam stand er auf, streckte die Arme aus und lief langsam und vorsichtig durch den Raum bis seine Hände gegen eine Wand stießen.

"Hallo?" rief er laut. "Hört mich jemand? Was habe ich getan? Sprecht doch mit mir! Ihr habt doch keinen Grund das zu tun!" Es flackerte kurz und dann war der Raum wieder in die gleiche diffuse Helligkeit getaucht wie gestern (?) schon. Er sah eine Schale mit etwas Fisch, Gemüse und Reis, sowie einen Becher mit Saft.

Eliael drückte sich gegen die Wand. Man hatte ihn nicht vergessen! Während er geschlafen hatte war jemand gekommen und hatte das hereingeschafft. Das bedeutete – man hatte ihn hier ganz bewusst eingesperrt. Sie wussten ganz genau was sie taten!

Das hieß, er hatte in letzter Zeit etwas getan, was die Aufmerksamkeit dieser Leute auf ihn gelenkt hatte. Aber was? Die Frage ließ ihm keine Ruhe mehr. Verzweifelt versuchte er eine Erklärung zu finden. Akribisch versuchte er die letzen Tagen und Wochen zu rekonstruieren. Je mehr er sich anstrengte, desto mehr wurde es. Aber nirgendwo hatte er sich seines erachtens Schuldig gemacht. Es war viel geschehen, aber er hauste in Roma Aeterna. Die ewige Stadt schlief nie. Wenn er doch wenigstens ein Zeitgefühl hätte. Wie lange war er schon hier? Ein paar Stunden? Ein paar Tage? Eine Woche? Eliael nahm den Napf auf.

Verdorben. Angewidert stellte er es auf den Boden zurück und trank nur den Saft aus. Es schmeckte schal. Er stellte sich vor die Tür und hämmerte mit den Fäusten dagegen bis ihm die Hände bluteten. Dann gab sich der junge Engel seinen Tränen hin bis er nicht mehr weinen konnte. Abermals traktierte er die Tür, dieses mal trat er mit seinen Füßen dagegen bis er vor Schmerzen nicht mehr weitermachen konnte. Er rollte sich zusammen, legte die Flügel um sich und wartete. Tage vergingen. Der Hunger wurde schlimmer und das was sich im Napf befand wurde nicht besser.

Der Hunger nagte schließlich so sehr an ihm, dass er seinen Ekel überwand und er etwas verzehrte. Danach wurde ihm schlecht und er musste sich in den Eimer übergeben in den er auch seine Notdurft verrichten musste. Wut erfüllte ihn wieder. Doch die Tür konnte er nicht öffnen. Eine List! Das war die Lösung.

Er legte sich auf den Boden und tat als meditiere er. Wenn jemand hereinkam um ihm neues Essen zu bringen wollte er auffahren und ich mit Hilfe seiner Mächte überrumpeln. Er würde sie überraschen. Es gelang nicht. Irgendwann schlief er tatsächlich wieder ein und als er aufwachte, waren Napf und Becher verschwunden. Verzweifelt versuchte er denselben Trick noch mehrere male, doch stets waren Sie schlauer als er. Während er schlief kamen sie, leerten den Eimer und brachten ihm zu essen und zu trinken . Es gelang ihm nicht Kontakt mit ihnen aufzunehmen.

Hatte er nicht immer Gottes Gesetze befolgt und nach ihnen gelebt? Was hatte er sich zu schulden kommen lassen? Irgendwann würde sich seine Unschuld schon herausstellen und sie würden ihn gehen lassen. Die Kirche war immer gerecht. Gott war gerecht.

Nur eine Frage der Zeit. Eliael schaute sich um, erblickte die vier Wände, die Tür und den Eimer und schwere Zweifel durchfuhren ihn. Es waren Custodi gewesen. Der Priester ein Inquisitor. Sie handelten immer im Rahmen der Gesetze. Er vertraute ihnen! Sie konnten nicht fehl gehen, denn sie waren die Kirche und die Kirche war Gott. Wenn sie ihn in dieser Weise behandelte, musste er dann nicht zwangsläufig schuldig sein?

Er begann, sich schuldig zu fühlen.

Kapitel 2

Eliael fuhr hoch. Die Tür öffnete sich. Er sah einen Mann der in Roben gehüllt war und ihn aus grünen Augen anblickte. Gefühllos. Unbeteiligt. Er trug keinen Bart, dafür ein Schwert am Gürtel und eine vorsintflutliche Waffe, genannt Pistole – Eliael hatte das im Taktikunterricht gehabt – in der Hand auf ihn gerichtet.

Ihm war es egal. Endlich ein menschliches Wesen. Jemand der die Isolation durchbrach. Die Zeit der Ungewissheit war vorbei und er verspürte Erleichterung. "Aufstehen! Mitkommen!", befahl der andere Barsch. Schnell rappelte er sich auf und stolperte aus der Zelle in der er seit unermesslich langer Zeit festgehalten worden war. Längst nährte er sich ab von verdorbener Nahrung und behielt sie auch bei sich. "Wer bist du? Wohin bringst du mich? Was soll das alles hier?", wollte er wissen.

Keine Antwort. "Lass mich gehen!", er benutze die Stimme doch der andere reagierte nicht in gewünschter Weise. "Lass das – Gott unterstütz Häresie nicht mit seinen Mächten, Engel. Deine Mächte bringen dir hier rein gar nichts. Los jetzt!" Verblüfft schritt er an dem Bewaffneten vorbei in den Gang der von ähnlichem Licht wie in der Zelle erhellt wurde. "Ich bin unschuldig! Das muss ein Irrtum sein!", beteuerte er. Am liebsten wäre er dem Mann um den Hals gefallen. Er verspürte einen starken Drang dazu – es fühlte sich richtig an. Er sehnte sich aus irgendeinem Grund nach Nähe. Ob er ihn dann erwürgte oder schlichtweg Umarmte war egal. Er war so allein. Selbst Gott hatte ihn verlassen, ihm seine Mächte genommen.

"Mund halten!" bellte der andere barsch. Es war wie eine Drohung. Er gehorchte. Schließlich wollte er nichts tun was ihn hier womöglich noch länger festhielt. Durch endlose Gänge, über wirre Treppen, Wendeltreppen und Schrägen nach oben und hinunter, rechts und links verlor er schnell die Orientierung. Immer wieder stolperte er und die ganze Zeit konnte er die Schritte des Anderen hinter sich hören.

Endlich öffnete sich dann eine Tür vor ihnen und er trat hindurch. Ein Mann in schwarzer Robe saß hinter einem einfachen Holztisch. Es war der Inquisitor! Sein bauschiger Vollbart und die langen, lockigen Haare, das finstere Gesicht mit den stechenden, braunen Augen unter den dicken Brauen hatten sich unverkennbar in Eliaels Gedächtnis eingebrannt. Ein zweiter Mann saß etwas abseits – Eliael erkannte auch ihn. Drahtiger und nicht so kräftig wie der Inquisitor, mit einem spitzen Vollbart und hämischem Grinsen. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Eliael musste stehen bleiben.

"Warum bist du hier?", verlangte der stämmige Inquisitor mit tiefer Bassstimme zu wissen. "Das weiß ich nicht, ich hoffte ihr könntet es mir sagen." Entgegnete er etwas verwirrt und mit halbzitternder Stimme. "Willst du damit etwa sagen, dass die Kirche dich eingesperrt hat, obwohl du unschuldig bist?"; grollte der anderen. "Nein! Nein, ich würde das nie glauben. Nie wurde ich schlecht behandelt und immer wurde mir Unterstützung angeboten.", stammelte er. Der Engel musste erschrocken einsehen, dass er einen Fehler gemacht hatte. "Ich werfe der Kirche nichts vor ,aber es könnte doch sein, dass die Menschen die..."

Der Inquisitor richtete sich auf – er war riesig. Seine Hand fuhr zum Schwertgriff an seinem Gürtel. "Das ist ungeheuerlich. Die Kirche ist Gott. Du verbreitest Häresie!"

Er zog die Klinge fast ganz heraus, verharrte kurz und ließ sich langsam wieder auf den Stuhl zurücksinken. Der andere Mann, der mit dem spitzen Bart, trat heran und hob besänftigend die Hand. Mit weicher, einschmeichelnder Stimme versicherte er "Wir wollen dir nur helfen. Es schmerzt uns sehr wie man dich behandelt, aber das können wir leider nicht ändern."

Eliael traten Tränen in die Augen. Sie zurückzudrängen war unmöglich. Es war ihm peinlich, aber diese freundlichen Worte taten ihm so gut... er konnte es nicht beschreiben. Jemand verstand ihn – und seine Lage.

"Du solltest wirklich versuchen mit uns zusammenzuarbeiten." Fügte der andere mit warmer Stimme hinzu. Ja. Ja , er wollte alles tun und versprach es ihnen ausgiebig. Er wollte sich die Freundlichkeit und die Nettigkeit dieses Mannes unbedingt erhalten. "Wir müssen wissen was du getan hast. Möchtest du nicht endlich gestehen und diese Last von deiner Seele nehmen? Du würdest uns sehr helfen damit, weißt du? Und vor allem auch dir selbst..."

Verzweifelt überlegte Eliael bevor er losstammelte "Aber...ich...weiß es doch nicht!" Der stämmige Riese mit dem Rauschebart sprang wieder auf, packte den kleinen Engel am Hals und drückte zu. "Du wagst es dich quer zu stellen, Ketzer? Was glaubst du wer du bist? Ein Nichts! Ein Niemand! Abschaum! Häretiker! Versucher! Bedeutungslos! Und doch wagst du es uns zu belügen?" donnerte er.

Die Tür hinter ihm öffnete sich wieder und der Wärter schaute herein. "Zurück in die Zelle. Er kommt erst wieder raus, wenn er uns sagt, was er getan hat und warum er verhaftet und eingesperrt wurde. Er ist Nummer 311."

Verhaftet! Aber er war ein Engel! Er unterstand weltlichen Gesetzen nicht. Es sei denn...Gott hatte ihn verstoßen. Kälte breitete sich in Eliael aus. "Mein Name ist Eliael!" kreischte er. "Du hast keinen Namen mehr 311. Du bist ein Nichts, nur eine Nummer in einer langen Reihe.", donnerte der Riese noch einmal und schubste ihn sehr unsanft von sich.

Er wagte nicht noch mehr zu wiedersprechen. Wer wusste, was sie sonst noch alles mit ihm anstellten? Er fügte sich und tapste wieder vor dem Wächter die endlosen Gänge entlang. Unterwegs begegneten sie einem anderen Engel.

Einem Michaeliten! Seine Robe war nicht braun vor schmutz, seine Haare nicht verfilzt und kurz geschnitten. Er erstrahlte in Schönheit und Gottes Glanz. Er wollte ihn um Hilfe anflehen, sich ihm mitteilen – bis er sah, dass der andere einfach durch ihn hindurchblickte. Auch seine geistigen Rufe schienen einfach im Nichts zu verhallen.

Er war ein Nichts. Unsichtbar für andere. Dann schloss sich eine Tür hinter ihm. Es war eine andere Zelle. Viel kleiner als die andere und gänzlich ohne Licht. Eliael war allein.

Er brach zusammen und fing hemmungslos an zu weinen. Was habe ich getan? Womit habe ich das verdient? Die Kirche ist korrekt, das war sie immer. Ich bin eingesperrt, also bin ich schuldig. Was habe ich getan? Ich – 311?

== Kapitel 3 ==Sie demütigten ihn, quälten ihn. Sie nahmen ihm seine Robe, ließen ihn nackt über den kalten Fels in der Dunkelheit kriechen.

Sie fesselten seine Arme fest mit Metallfesseln am Rücken und banden seine Flügel, so dass er wie ein Tier vom Boden essen musste. Manchmal kippte der Becher um und wenn er nicht verdursten wollte, musste er die Flüssigkeit vom Boden auflecken.

Er tat es.

Manchmal führten sie ihn in einen Raum mit ganz vielen kleinen Spiegeln. Dort sah man in jedem Spiegel wie Gefangene – Menschen wie Engel – gefoltert wurden. Und sie sagten ihm, dass auch er auf diese Weise behandelt werden würde um an sein Geständnis zu kommen.

Wieder und wieder fragten sie ihn was er getan habe.

Dann plötzlich kam die Wende. Er wurde aus seiner Zelle geholt, geduscht und frisiert. Man behandelte ihn freundlich, höflich und vorsichtig, denn anfangs war er sehr verängstigt. Der Mann mit dem spitzen Bart setze sich zu ihm in ein hell erleuchtetes Zimmer, speiste mit ihm und gab ihm Wärme und Zuneigung.

Dann kam wieder die Frage: "Was hast du getan?" Wenige Augenblicke später waren Wächter da, packten ihn, zerrten ihn brutal aus dem Raum, rissen ihm die Robe vom Leib, stellten ihn in eine Ecke, übergossen ihn mit eiskaltem Wasser und schlugen auf ihn ein.

Erst als er seine Peiniger um Gnade und Vergebung anflehte hörten sie auf. Dann kam der Bärtige und fragte ihn alltägliche Dinge. Wie seine Freunde und Ausbilder hießen, woher er komme, was er früher am liebsten mochte, wie sein Tagesablauf war usw. Er bemühte sich, doch erinnerte er sich kaum mehr an sein früheres Leben. Sie hatten ihr erstes Ziel erreicht. Eliaels Persönlichkeit löste sich auf.

Den jungen Engel, den die Männer aus seinem Leben gerissen hatten um ihm ein paar Fragen zu beantworten, gab es nicht mehr. 311 leistete keinen Wiederstand mehr. Er hatte keinerlei Verbindung mehr zu seinem früheren Leben. Er war gebrochen. Er war gedemütigt. Sein Leben gehörte nicht mehr ihm sondern ihnen. Er – 311.

Kapitel 4

Sie waren höflich zu ihm, redeten beruhigend auf ihn ein als sie ihm die Kontakte auf die Haut klebten. Sie behandelten ihn als einen der ihren. 311 wäre es gern gewesen – doch er war es nicht.

Sie waren gut zu ihm und besänftigten ihn während er dem weiteren Verlauf mit wachsender Furcht und aufsteigendem Grauen entgegensah. "Mach dir keine Sorgen, alles wird Gut." "Nur keine Angst." Er hörte es immer wieder.

Und dann folterten sie ihn. Es gab ein komisches Geräusch und schrecklicher Schmerz breitete sich in seinem Körper aus. Von den Kabeln ausgehend zog sich flüssige Lava durch seine Venen und sein Magen bestand aus glühendem Blei.

Schon lange fragten sie nicht mehr was er verbrochen hatte. Es interessierte sie nicht weiter und er – 311 – hatte aufgegeben. Aufgegeben, nach irgendetwas in seiner Vergangenheit zu suchen, dass sie auf den Plan gerufen haben könnte.

Es war entsetzlich. Die Schmerzen waren so stark, dass er aufhörte zu denken. Sonst wäre er wahnsinnig geworden.

Die Welt bestand aus Schmerz. Am Ende entschuldigten sie sich bei ihm, ließen seinen Körper jedoch festgebunden zurück und die Tür offen als sie den Raum verließen. Er konnte sie reden hören. Zwar verstand 311 nicht was sie sagten, jedoch hörte er ihre Stimmen. Sie waren in der Nähe und konnten jeden Augenblick zurückkehren. Fast glaubte er, den Verstand zu verlieren. Er hasste sie. Er hasste sie mehr als er jemals zuvor in seinem Leben etwas gehasst oder geliebt hatte. Zugleich aber wollte er zu ihnen gehören. Dieses Verlangen wuchs stetig in ihm. Wäre er einer von ihnen hätten die Qualen ein Ende, er würde anerkannt werden und endlich wieder jemand sein. Jetzt war er ein Nichts. Eine Nummer. 311.

Und sie kamen wieder. Sie waren höflich und freundlich zu ihm – und sie folterten ihn. Er beschimpfte sie, schrie sie an mit all seinem Hass. Andererseits waren sie die einzigen Wesen zu denen er Kontakt hatte. Das verwirrte ihn. Sie wurden ihm vertraut. Er begann sie zu bewundern obwohl er sie fürchtete. Und schließlich sogar zu lieben. Tage vergingen. Jeder Tag war voller Folter und Hass.

Aber sie Sprachen immer mehr mit ihm, zeigten Verständnis für seinen Hass. "Warum richtet sich dein Hass gegen uns?", fragten sie ihn. "Wir sind nicht die Schuldigen – andere sind es. Wir tun nur was wir müssen, wozu wir gezwungen werden. Glaub nur nicht, dass es uns Spaß macht. Wir können nur nicht anders." "Wer? Wer zwingt euch?" "Wir sagen es dir – später. Hab Geduld."

Und er hatte Geduld. In den Stunden die zwischen der Folter vergingen grübelte er beständig darüber nach, wen sie denn meinen konnten.

Sie gaben kleine Anhaltspunkte und Andeutungen. Pflanzten Hinweise in sein Gehirn, welches von seinen bisherigen Gedanken und Gefühlen befreit, weitestgehend gelöscht worden war und nun jede Information gierig aufsog. Schritt für Schritt lenkten sie seine Gedanken in neue Bahnen. Bis er völlig unter ihrer Kontrolle stand. Sie erzählten ihm immer mehr über sich – und er glaubte ihnen. Wort für Wort. Niemals mehr würde er etwas andere glauben. Niemals mehr würde er zu selbständigem Denken außerhalb seines Aufgabengebietes fähig sein. Niemals mehr ein eigenes Bild machen. Und wenn alles dagegenspräche, er würde glauben was sie ihm vorschrieben. Sein Hass war umgelenkt auf andere, vollständig von seinen Peinigern abgelenkt. Er hasste sie so sehr, dass er sie nur noch töten wollte. Ihnen Schaden zufügen, in jeglicher Form. Am besten Gewalt. Er flehte seine Häscher an ihn freizulassen, damit er seinen Kampf aufnehmen konnte.

Und sie befreiten ihn von seinen Fesseln. Sie nahmen ihn auf in ihren Kreis. Wie er sie dafür verehrte. Wie er sie dafür liebte.

Er war bereit alles für sie zu tun. Sein Leben würde er ohne einen Augenblick des Zögerns für sie hingeben. Wenn er dafür nur ihre Liebe und Anerkennung gewann. Sie hatten ihm gezeigt wie mächtig die Kirche war. Wie mächtig sie waren. Als sie ihn lehrten sich niemals gegen ihr Wort zu erheben kam ihm schon der Gedanke daran absurd vor. Und nicht ein einziges Mal dachte er darüber nach, ob sie tatsächlich Kirchenmänner waren. Er wusste nichts von ihnen. Er akzeptierte einfach was sie ihm gesagt hatten. Ihn plagten keine Zweifel – für 311 war dies die Wahrheit. Er funktionierte jetzt so, wie sie es wollten. Wie sie es geplant hatten.

Jetzt begann das Training. Er lernte Kämpfen wie ein Gabrielit – und wie er auch ohne Waffen gefährlich war. Und er lernte töten. Ohne Skrupel. Gefühle gab es jetzt nicht mehr. Nur noch für sie. Aber nach außen zeigte er keine. Eine Fassade wurde aufgebaut, Kühl und undurchdringlich wie Eis. Er bekam Aufgaben und er löste sie, genau so wie sie es wollten.

Ohne zu denken. Ohne etwas dabei zu empfinden. Er wurde zu ihrem Werkzeug. Perfekt.

Und er wurde wieder jemand. Er bekam einen neuen Namen: Manuel.

Kapitel 5

Manuel war älter geworden. 12 Jahre war er nun alt und damit seit 5 Jahren im Dienste der Inquisition. Auch zierte das Sigil jetzt schon seinen Körper und er beherrschte schon fast alle Mächte, denn er besaß eiserne Disziplin. Niemand erinnerte sich mehr an Eliael, den netten Michaeliten. Doch einige tuschelten über Manuels Fremdartigkeit dessen kühles Auftreten oft als herablassend und arrogant missinterpretiert wurde. Dabei war es nur die Maske die ihm auferlegt worden war, um den in sein Gehirn eingebrannten Hass und seine absolute Loyalität gegenüber dem Ordo Malleus zu kaschieren.

Und seinen Konflikt...

Er hatte schon einige Aufträge für sie erledigt und stets mit Bravour.

Vor kurzem hatte er eine neue Schar zugeteilt bekommen. Manuel selbst hatte sie gut im Griff und sie arrangierten sich langsam recht gut mit ihm.

Er war kühl und man konnte ihn nicht einschätzen, doch stets gerecht und – zumindest Theoretisch, fehlte ihm doch die Kameradschaftlichkeit – ein guter Führer.

Sie hatten schon einiges durchgemacht, als ihr letzter gemeinsamer Auftrag sie eine vorsintflutliche Reliquie hatte finden lassen, welche sich ihnen alle auf wundersame Weise offenbart hatte. Der Ordo Malleus war sehr daran interessiert, dass dieses Stück in seine Kammern überging und nicht der Kirche in die Hände viel – dafür war es zu gefährlich.

Der Malleus, so muss man wissen, kontrolliert die Kontrolleure. Eine Überwachung der Inquisition. Die Geheimen der Geheimen. Manuel war ihr ergebener Diener. Als sie des nächtens nach dem Fund in einem Kloster im ehemaligen Polen ruhten, erstattete Manuel einem Kontaktmann Bericht. Dieser gab ihm detaillierte Order was nun zu tun wäre.

Manuel zuckte nicht einmal mit der Wimper als er vernahm was notwendig sein würde.

Am nächsten Morgen brach seine Schar auf, gen Süden, zur ewigen Stadt. Nach ein paar Stunden Flug ließ er eine Rast einlegen – das war damals bei ihnen durchaus üblich gewesen, denn keiner der Scharmitglieder war über das Sigil hinaus gezeichnet und Manuel der älteste. Wie immer hielt er sich abseits von den anderen während diese aufgeregt über den Fund und seine möglichen Auswirkungen diskutierten.

Mehriel, der Ramielt, war zwar jung aber sehr begabt. Jeliel, die extrovertierte Gabrielitin beherrschte ihr Handwerk, war jedoch keine Spitzenkämpferin. Nelchael, der Raphaelit war für sein alter allerdings wirklich Gut. Er heilte jede Wunde, verabscheute jedoch Waffen. Und Vehuel, die Urielitin war die jüngste der Schar. In sich gekehrt, grimmig und meist schlecht gelaunt.

Jeliel starb zuerst. Hätte Manuel ihr nicht von hinten das Schwert durch die Brust gestoßen, hätte er vielleicht die Überraschung und absolute Endgültigkeit in ihrem brechenden Blick gesehen. Berührt hätte es ihn sicher nicht. Das Schwert des Michaeliten ragte aus ihrem Torso und das wenige Blut daran vermischte sich mit dem leichten Nieselregen und rann die Klinge entlang.

Sie ging in die Knie, ihre Flügel zitterten, ein Schwall von Blut ergoss sich aus ihrem Mund und rann an ihrem schwarzen Kriegsrock hinab. Ein letztes mal nahm ihre Haut die graue Verfärbung an die auftrat, wenn sich ein Gabrielit kurzzeitig in einen Golem verwandelte...zu spät. Reiner Reflex. Jaliel war sehr gut in dieser Macht gewesen... Dann kippte sie tot vornüber.

Ehe die anderen überhaupt realisiert hatten was geschehen war und irgendwie reagieren konnten, durchtrennte Manuels dürstendes Schwert auch schon Vehuels Hals. Nur das pfeifen der Luft und ein hartes, knirschendes Reißen waren zu vernehmen. Der kopflose Rumpf brach fast augenblicklich in sich zusammen.

Nelchael reagierte als erster – mit Flucht. Doch er flog nicht sondern rannte – in den nahen Wald. Bis jetzt war alles fast ohne jegliches Geräusch vonstatten gegangen. Erst als sich das Schwert des – in den Augen der anderen – durchgedrehten Michaeliten in Mehriels Flanke bohren wollte, sprang dieser zur Seite. Er hatte wirklich schnell reagiert. Er zog seinen Dolch und wollte sich wehren, konnte Manuel aber in dem ihn plötzlich umgebenden, blendendhellen Glanz Gottes nicht mehr ausmachen.

So konnte der Ramielit den Schlag, welcher ihm den Waffenarm abtrennte, nicht kommen sehen. Sein Schrei gellt markerschütternd über die kleine Lichtung und verstummte kurz darauf.

'Einer fehlt noch', dachte Manuel, setzte den Fuß auf die Schulter des Ramieliten und befreite sein Schwert von der toten Last. Seine geistigen Fühler verrieten dem Engel der Inquisition ungefähr wo der Raphaelit steckte.

Manuel lief los.

Nelchael kniete mitten im Wald und betete. Betete zum Herrn, um Erlösung und Errettung. Und Nelchael weinte. Die Erlösung kam...

Er kroch auf dem Waldboden rückwärts, hob abwehrend die Arme als der Michaelit ihn gefunden hatte und auf ihn zukam, winselte und stammelte – es nützte ihm rein gar nichts. Das letzte was seine nassen Augen sahen bevor Leere sie erfüllte, war das ausdruckslose Gesicht Manuels, welches stetig größer wurde.

Geschafft. Er hatte seine Aufgabe erledigt. Natürlich.

Er hatte noch nie versagt. War er nicht wie Gott?

Jetzt galt es nur noch die Beweise zu vernichten und das Relikt am abgesprochenen Treffpunkt zu platzieren.

Danach fügte er sich selbst tiefe Wunden zu – mit den Waffen seiner ehemaligen Schargefährten. Ihn kümmerte es nicht weiter, er war Schmerz gewohnt. Dann drapierte er alles so hin, dass es wie ein Überfall aussehen konnte.

Kapitel 6

Zurück in seinem Heimathimmel legte er Bericht ab. Genauso wie ihm aufgetragen worden war: dass seine Schar während der Rast von Anhängern einer (in den Augen des Malleus) ketzerischen Loge überfallen worden war, ihnen die Reliquie abgenommen und alle anderen Engel getötet hatte. Nur ihm war die Flucht gelungen – mit Gottes Hilfe natürlich.

Sie schluckten es. Selbstverständlich. Langsam begann Manuels Gefühlskalte Art einen Hintergrund zu entwickeln. Einige wenige begannen sogar Mitleid mit ihm zu verspüren, doch ihre Zahl blieb gering.

Niemand mochte ihn leiden, auch wenn er solch schwere Zeiten durchgemacht hatte. Seine Meister waren trotzdem zufrieden.

Fünf Tage später trat ein großer, sehr breit und stämmig gebauter Priester mit Vollbart in seine Zelle. "Mein Sohn, deine ‚Trauerzeit’ ist jetzt vorüber. Malleus braucht wiedereinmal deine Dienste. Eine neue Schar erwartet dich in Aachen. Und es gibt da noch etwas was du zu erledigen hast..."

Er hörte zu und nahm alles in sich auf. Wie eine Maschine. Ein Werkzeug. Perfekt. Perfekt für seine Erschaffer. War Gott nicht auch perfekt?


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