ChristophErichsen, SusanneForster und ChristianZuendorf
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Bilder von Saphiriel:
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- ... Himmel zu Prag
- ... bis zu den Wolken
- ... in der eisigen Strömung gefangen
- ... ihm ihren Atem zu schenken
- ... und der neue Tag erwacht
... Himmel zu Prag
"Alles in Ordnung?", fragte eine helle Stimme und Gansekiel schüttelte benommen den Kopf. Ein dumpfer Schmerz bereitete sich an seiner Stirn aus und schien dann sein ganzes Gesicht zu erfassen. Verstört und desorientiert blickte er auf und sah... einen Engel.
Braune Augen und ein warmes Lächeln zierten ein sommersprossiges, zartes Gesicht, das jetzt offenbar vor Sorge ein wenig blass war. Die dunklen Linien des Sigils zeichneten sich auf der Haut des Engels ab und wiesen sie als Ramielitin aus. Braunes Haar glänzte in der Sonne, deren Strahlen den Himmel zu Prag berührten.
"Gansekiel?", fragte Saphiriel jetzt und dann kniete sie neben ihm nieder und berührte ihn vorsichtig an der Schulter.
"Hmmmm?", murmelte er und stöhnte dann, als die schwache Bewegung, die er machte um aufzustehen, ihm einen glühenden Nagel zwischen die Augen trieb.
"Oh Gott, so schlimm wollte ich dich gar nicht erwischen. Es tut mir leid!... Los komm, ich bringe dich zurück, für heute haben wir genug geübt!", sagte sie warmherzig und griff ihm sogar unter die Arme. Er wusste gar nicht, wie sie es schaffte ihn auf die Beine zu stellen, geschweige denn, wie er so stehen bleiben sollte. Sein Kopf drohte zu zerspringen. Jetzt, wo er stand, war er um mindestens einen Kopf größer als sie und es musste sicher richtig albern aussehen, wie sie ihn stützte.
"Du bist gar nicht nach links ausgewichen, wie ich dir gesagt habe, sondern schon wieder auf meinen Trick hereingefallen und genau gegen mein Übungsschwert geflogen. Ich wollte es noch abfangen, aber du hattest richtig viel Schwung und es hat dich wohl ganz schön erwischt und dann bist du gefallen.... Kannst du laufen? Hast du sonst noch Schmerzen?", fragte sie besorgt auf ihn einredend.
"Ich glaube ich... hab' mir nichts gebrochen!", brachte er hervor, aber es klang seltsam nasal.
Saphiriel wirkte erleichtert, aber er war da noch gar nicht so sicher, ob er überhaupt recht hatte mit seiner Aussage, die sie nur hatte beruhigen sollen. Ihm war schwindlig. Trotzdem biss er die Zähne zusammen und ließ sich von ihr hineinbringen. Sie betraten die mit bunten Gemälden ausgeschmückte Vorhalle des Übungsraumes und sie setzte ihn auf einen der Hocker und befahl ihm dort zu bleiben.
Als sie ihn plötzlich wieder ansprach, hatte er das Gefühl, sie sei gar nicht weg gewesen, aber jetzt stand neben ihr ein dunkelhaariger, freundlich dreinsehender Raphaelit.
"Schau, wir haben Glück. Das ist Tamael!", erklärte sie und der ältere Raphaelit nickte und lächelte ihm dann zu.
"Es kommt ja nicht so oft vor, dass man hier wegen Verletzungen bei Übungskämpfen geholt wird, aber du hast dir offenbar das Nasenbein gebrochen!", sagte er fachmännisch. Gansekiel nickte ergeben und ließ das dann schnell lieber wieder sein, weil der Schmerz beinahe augenblicklich zurückkam.
"Kannst du ihm helfen?", fragte Saphiriel besorgt und der Raphaelit nickte und grinste dann.
"Warst DU das?", fragte er. Saphiriel lief rot an und lächelte verlegen.
"Ja, aber DAS wollte ich nicht. Es war ein Unfall und ich..."
"Es ist meine Schuld", meldete sich Gansekiel jetzt zu Wort, während der Raphaelit, immer noch grinsend, vorsichtig eine Hand auf seine Nase legte.
"Halte mal still und erzähl' mir das nachher, nicht, dass du am Ende noch eine schiefe Nase bekommst!", warnte Tamael. Gansekiel fühlte erleichtert, wie nach einem kurzen, aber heftigen Stich, wohltuende Wärme in den verletzen Knochen floss und sich auch in seinem gesammten Kopf ausbreitete. Der dumpfe Druck darin und das Klingeln in seinen Ohren verschwanden und Gansekiel entspannte sich erleichtert. Die Nase hatte er sich noch nie gebrochen.
Der Raphaelit zog kurz darauf seine Hand wieder zurück und lächelte noch immer, genau wie Saphiriel.
"Du hattest eine Gehirnerschütterung und diese gebrochene Nase, aber jetzt müsste es wieder gut sein, hier.. wisch' dich erst einmal sauber!" Der Raphaelit reichte ihm mit diesen Worten ein Tuch.
Gansekiel rubbelte sich, immer noch ein wenig ängstlich um seine Nase bangend, das Gesicht sauber und Saphiriel nahm ihm lachend das feuchte Tuch aus der Hand und half ihm.
"Du solltest dich nachher umziehen. Du hast auf deinen Rock geblutet!", empfahl sie, offenbar jetzt sehr erleichtert, dass ihm nichts schlimmeres geschehen war.
"Und jetzt erzählt mal, was habt ihr angestellt?", wollte Tamael wissen und sah sie beide mit seinen durchdringenden blauen Augen an.
"Saphiriel ist sehr geschickt mit dem Schwert..", begann Gansekiel zu erklären.
"Ahhh, deshalb tragt ihr eure Haare zusammengebunden...", vermutete der Engel des Heilerordens und sah sie auffordernd an.
"Nunja, ich habe kämpfen gelernt und benutze meine Mächte, die Gott mir verliehen hat um meiner Schar im Kampf beizustehen. Leider wurde meine alte Schar..." Saphiriel verstummte und ihre sonst so wachen und meist vor Freude blitzenden Augen schienen sich wie mit einem Schleier zum umwölken. Und Gansekiel, der genau wusste, dass man ihre letzte Schar getrennt hatte, wenngleich auch nicht genau warum, sprang für sie ein.
"Sie ist eine ausgezeichnete Kriegerin und macht unserem Orden Ehre und könnte noch so manchem Gabrieliten was zeigen, sie ist flink und außerdem, wie ich leider zugeben muss, eine Meisterin im Ausweichen und Finten vortäuschen. Da ich grade einmal weiß wie herum ich das Schwert zu halten habe, nutze ich die Gelegenheit um bei ihr zu lernen und da bin ich nicht der Einzige. Aber ich bin der Einzige, der sich so dumm anstellt ihr auch noch ins Schwert zu fliegen!"
"Ach Gansekiel, so dumm warst du nun auch wieder nicht...", versuchte sie abzuwiegeln. Sie machte ihm schon seit zwei Wochen Mut, aber wie alles bei ihm, dauerte eben auch das Kämpfen lernen etwas länger.
"Oh doch, ich glaube ich lerne das nie!", murrte er niedergeschlagen.
"Ach was, hör' schon auf, es erfordert viel Übung und auch ich könnte viel besser sein, wenn ich schon älter und kräftiger wäre.", meinte sie, beinahe ärgerlich klingend.
Gansekiel grinste nun und lachte "Das hilft mir auch nicht weiter. Sieh mich an, ich BIN älter und kräftiger und trotzdem bist du viel besser und verprügelst mich!"
Tamael entschuldigte sich nun, dass er leider nicht bleiben könne, weil er mit seiner Schar bald aufbrechen musste und ließ Beide alleine.
"Wie wäre es, wenn wir die Übungsstunden auf den frühen Morgen verlegen?", fragte Saphiriel nun Gansekiel, während sie Beide wieder aufstanden und langsam durch die verzierten Gänge des Prager Himmels schritten, der jetzt am Abend langsam aber sicher etwas ruhiger wurde.
Er wusste schon was sie meinte. Am Morgen war er sicher konzentrierter. Jetzt am Abend, nachdem er den ganzen Tag natürlich auch seine Aufgaben und Pflichten zu erfüllen gehabt hatte, war er eigentlich zu nichts mehr zu gebrauchen. Dennoch war er noch nicht wirklich müde und auch sie schien noch keine Lust zu haben, jetzt schon in ihre Cella zu gehen.
"Hast du denn noch etwas Zeit?", fragte er plötzlich einfach so. Zeit war etwas sehr kostbares und meistens hatte man davon nicht soviel, wie man gerne wollte. Saphiriel nickte und lächelte dann wieder.
"Das wollte ich auch grade fragen!"
Beinahe wie von alleine, lenkten sie ihre Schritte jetzt doch nicht zu seiner Cella, sondern hinaus auf die Flugplattform. Musste der Rock eben warten! Ein paar Blutstropfen machten auch nichts aus.
Obwohl er heute ja schon mit ihr geflogen war, beschlossen sie den schönen Abend, an dem es ausnahmsweise wirklich einmal nicht regnete, damit zu verbringen ein Stück hinauszufliegen. Morgen und übermorgen konnte er dann immer noch in seinem Raum sitzen und lesen.
... bis zu den Wolken
Wie Gansekiel schnell bemerkte, war Saphiriel auch eine bessere Fliegerin als er. Während er zum Abheben mehr wie eine Ente aussah, sprang sie leichtfüßig in die Luft und war auch die ganze Zeit, in der sie durch den abendlichen Himmel zu gleiten schienen, immer um einige Flügellängen voraus. Er mochte zwar sicherlich drei Jahre älter sein als sie, aber in vielen Dingen hatte er das Gefühl weit hinter ihr zu bleiben und das, wo sie sicher erst drei oder höchstens vier Jahre auf der Erde weilte, während er sich bereits ausgerechnet hatte ungefähr wie ein 15 Jähriger Mensch zu sein, zumindest wenn er davon ausging, dass er mit den sieben Jahren, die er schon Gottes Wort verkündete in etwa in dem Alter sein musste, was die Körpergröße anbelangte.
Saphiriel indes machte sich einen Spaß daraus kurze Sprints einzulegen und ihn damit zu necken, er solle sich beeilen, aber Gansekiel dachte gar nicht daran, sondern genoss die kühle Abendluft, die ihm über den Körper strich und die Haare zerzauste. Sie flogen hoch hinauf, bis zu den Wolken und er sah begeistert hinunter auf die Erde, die unter ihnen in Spielzeuggröße vorbeiglitt.
Er wollte sich das alles gut merken und fühlte sich nun auch endlich von jeglicher Aufregung befreit, die ihn in der letzten Woche gepackt hatte, seit er wusste, dass die Scriputraweihe für ihn nicht mehr fern lag und er deswegen zum Himmel zurückbeordert worden war. Vielleicht war auch das ein Grund gewesen, dass er vor lauter Aufregung schon links mit rechts verwechselte. Grinsend flog er nun weiter und lachte, als sie ihm eine gekonnte loopingartige Einlage vorführte, die er wahrscheinlich niemals lernen würde und das, wo er ja eigentlich nun schon wirklich lange Gelegenheit gehabt hatte herumzufliegen. Vielleicht gab es einfach talentierte und weniger talentierte Engel . Oder Gott wollte, dass er sich mehr anstrengte!
Dann, als sie schließlich wieder einmal bereits mehrere hundert Meter vorausgeeilt war und er noch immer hinter ihr hertrödelte, hörte er plötzlich ihre Stimme in seinem Kopf.
Gansekiel, sieh mal, da unten! Ist das nicht schön?
Er folgte mit dem Blick ihrer ausgestreckten Hand und sah was sie meinte. Sie meinte den großen Salzsee, der jetzt im Abendrot in leuchtenden Farben zu erglühen schien und dessen sanfte Wellen glitzernd zu ihnen herauf blinkten. Eigentlich war es ja kein echter See, sondern ein Ausläufer des großen Meerflusses, der die Gegend um Prag so besonders machte, aber das war ihnen nun herzlich egal.
Lachend schossen die Beiden anschließend übermütig hinunter, sie mussten sich erst gar nicht verständigen um sich gleichzeitig zu entscheiden, hier eine kurze Pause einzulegen, ehe sie zurückkehrten. Den beiden Engeln war es egal, ob man sie im Dorf, das am Ufer des Sees lag, landen sehen konnte, doch alle Beide achteten darauf erst mindestens zwei Kilometer das Ufer hinauf tiefer zu gehen.
Während sie leichtfüßig aufsetzte und mit zwei Schritten zum stehen kam, wäre er beinahe noch ins Wasser gestolpert, das hier vom Ufer aus, sanft abfiel. Doch wenn man genau hinsah, erkannte man auch, dass es bereits wenige Meter weiter drinnen steil in die Tiefe ging. Der See war an seiner tiefsten Stelle über 50m, das hatte er mal gelesen.
Eine Zeit lang saßen beide schweigend am Ufer und hörten einem Vogel zu, der seltsame Zirplaute von sich gab. Auch andere Geräusche mischten sich in das abendliche Konzert und Gansekiel wünschte sich kurz Urielit zu sein um all die Tiere bestimmen zu können, die da gerade solchen Krach schlugen. Ein Quaken, Summen, Plätschern und Zirpen drang zu ihnen und langsam aber sicher wurde es dunkler.
Die Luft roch bereits wieder nach Regen und einige kleine Quellwölkchen am Himmel zeugten davon, dass es in einigen Stunden wieder das übliche nieselige Wetter geben würde, das sie alle so gut kannten.
Sie beschlossen beide gerade im Geiste, dass es leider wohl schon an der Zeit war zurückzufliegen und er spürte ihr Bedauern darüber, dass sie nicht länger hier sitzen konnten. Aber unabgemeldet über Nacht einfach fern zu bleiben gehörte sich nicht.
Als sie zugleich aufstanden und er sich bereit machen wollte ein wenig Anlauf zu nehmen, zeigte sie mit angestrengt zusammengekniffenen Augen aufs Wasser.
"Gansekiel? Was siehst du?"
Angestrengt versuchte auch er die Dunkelheit über dem Wasser mit seinen Augen zu durchdringen und machte recht weit draußen auf dem See ein - nein zwei Lichtpunkte aus, einer davon schwankte ein wenig hin und her.
Dann hörten sie auch ganz leise, jemand rufen.
... in der eisigen Strömung gefangen
"Was denkst du was das ist?", fragte sie und starrte weiterhin hinaus. Gansekiel war sich auch nicht sicher, aber er wusste, dass die Fischer Abends mit ihrem Booten hinausfuhren und Netze ausbrachten und sie des Morgens wieder einholten.
"Vielleicht ein Fischer mit seinem Boot?"
"Aber was tut er denn dann dort draußen? Da ist doch die Strömung so stark! Ich dachte sie fischen näher am Ufer.", bemerkte Saphiriel jetzt skeptisch und Beide blickten wieder nach draußen. Diesmal vernahmen sie erneut einen Schrei und Gansekiel glaubte zu hören, wie jemand brüllte "... halt dich fest, Jakob... du musst dich festhalten!"
Niemand brauchte den beiden Ramieliten zu sagen, dass dort irgendwas nicht stimmte. Bereits eine Sekunde später hatten sich alle Beide in die Luft erhoben, sie natürlich eine Nasenlänge voraus, und rasten nur so in Richtung der Schreie.
Schon während sie näher heranflogen, erkannte Gansekiel, sobald das letzte Licht des schwindenden Abends es zuließ, das kleine Fischerboot. Einen von beiden Männern an Bord, der in leicht gebückter Haltung da stand und eine Laterne hochhielt, konnte er genau sehen, den Anderen sah er nur schemenhaft, doch er bemühte sich offenbar ein Seil einzuholen. Oder ein Netz. Beide Männer schrieen und als sie noch näher kamen, hörte Gansekiel auch noch eine dritte Stimme, die verzweifelt schrie, aber immer wieder abbrach.
Ihre Augen verfluchend, die jetzt im Dunkeln auch mehr nützten würden, als die von Menschen, flog Saphiriel sofort in die Richtung desjenigen der im Wasser sein musste, während Gansekiel auf das Boot zusteuerte. Offenbar war jemand dort im Wasser und drohte unterzugehen.
Ich sehe zu, dass ich irgendwas zum festhalten holen kann übermittelte er ihr, während sie angestrengt hinunterstarrte und jetzt mit Entsetzen feststellte, dass unten im dunklen Wasser ein junger Mann, der Größe nach vielleicht auch ein Junge, zappelte und immer wieder unter die Wasseroberfläche geriet, wie sie Gansekiel sofort übermittelte. Die Ramielitin erkannte beinahe zu spät, dass der Grund für die offensichtliche Panik, des im Wasser Zappelnden, der war, dass dieser sich im Netz verfangen hatte, womit eigentlich die Fische hätten eingeholt werden sollen.
Gansekiel kam derweil direkt über dem Boot an und der Fischer und der zweite, ältere Mann an Bord, die natürlich die Engel längst ausgemacht hatten, winkten und schrieen. Gansekiel konnte auf den kleinen Boot wahrscheinlich gar nicht landen, und versuchte es auch nicht. Aber er rief laut und auf Common hinunter.
Keine Minute später, wusste er zumindest, was passiert war.
Saphiriel, das ist der Sohn des Fischers, er hat sich verfangen, als er das Netz von einem Stück Treibholz befreien wollte, das Netz ist sicher zu stark und er kann sich nicht wieder befreien. Der Fischer kann ihm nicht helfen, sonst würde er sich auch dort verheddern, wir versuchen es zum Boot zu ziehen, versuch du die Stränge zu durchtrennen, die den Jungen festhalten!, übermittelte er dann, während der Mann weiterhin an den Seilen zerrte an denen das Netz befestigt war und versuchte dieses näher heranzuziehen.
Im Hellen hätte man vielleicht besser an das Netz mit dem Jungen herangekonnt oder dorthin schwimmen können, aber im Dunkeln war es lebensgefährlich. Man sah das Netz nicht und entweder würde sich so das Paddel oder auch ein zweiter Schwimmer leicht in dem treibenden Ding verfangen. Der Fischer war bereits selbst drauf und dran ins Wasser zu springen und es dennoch zu versuchen. Saphiriel war die Einzige die den Jungen freischneiden konnte, denn sie hatte, im Gegensatz zu ihm, ihr Schwert noch bei sich, während er alle Waffen zum Übungskampf abgenommen hatte, da sie ja mit Holzschwertern geübt hatten.
Ganskiel schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass sie das schaffte, denn sie musste dabei direkt im Tiefflug über das Wasser gleiten und durfte nicht den Jungen treffen. Der Mann, der bisher an den Schnüren gezerrt hatte, wollte nicht auf ihn hören und wahrscheinlich war es das röchelnde und hustende Schreien seines Sohnes, das ihn dazu trieb, selbst ins Wasser zu springen und auch zu versuchen zu diesem zu gelangen. Gansekiel sah, wie der Mann sich beinahe im völlig finsteren Wasser an der Kante des Netzes entlangzog und so Stück für Stück auf den Jungen zukam. Saphiriel hatte erst zweimal mit ihrem Schwert ein Stück des Netzes durchtrennen können, aber das Kind war wohl noch immer so sehr in den Maschen gefangen, dass das nichts brachte. Sie waren viel zu stabil.
Das Seil, an dem die Netze hingen, wurde jetzt von dem zweiten Fischer im Boot, einem alten Mann, gepackt, doch dieser konnte die Seile kaum gegen die Strömung halten, die Mittlerweile an den Netzen riss und er verlor immer weiter an Länge. Gansekiel wagte es nun doch, nach einem Warnruf, auf dem Boot zu landen und ließ sich die letzten drei Meter einfach fallen. Beinahe wäre das Boot tatsächlich gekentert, aber schaukelnd stabilisierte es sich wieder und der Engel rappelte sich so gut es ging langsam auf und versuchte das Gleichgewicht auf dem schwankenden Gefährt zu wahren.
Zu zweit packten sie nun das Seil, während ihm der Alte einen dankbaren Blick zuwarf und zogen es wieder heran. Das Boot glitt nun langsam aber sicher auf die Gestalten im Wasser zu und nur das Flackern der Laterne, die der Alte im Boot abgestellt hatte, beleuchtete die Szene.
Saphiriel indes hatte noch immer keinen wirklichen Erfolg erzielt den Jungen freizuschneiden. Mit einem Schwert waren die seltsamen Netzmaschen aus dem hellen Material nicht zu durchtrennen. Vielleicht hätte es ein Flammenschwert getan, aber bis Gansekiel Hilfe angefordert hatte, würde es sicher zu spät sein.
Gansekiel versuchte es trotzdem. Er wusste, dass sein Hilferuf im Himmel wahrscheinlich jeden Engel, den er dort mit Namen kannte, hochschrecken würde und diese wiederum alle Hebel in Bewegung setzten. Aber trotzdem würden sie immer noch mindestens zehn Minuten brauchen, selbst wenn eine Schar hier in ihrer Nähe war.
Saphiriel hörte damit auf ihr Schwert dazu zu benutzen auf die Maschen einzuschlagen.
Gansekiel, bring ein Seil! Schnell! Gansekiel sah sich gehtzt um, während er immer noch an dem Seil zerrte, dass er in der Hand hielt und zugleich spürte, wie die Strömung das Boot und auch das Netz weiter zog.
"Ein Seil, ich benötige ein Seil!", rief er den Mann neben sich an, Saphiriels Flügelschlag war doch ganz schön laut.
"Seil? Welches Seil?" Der ältere Mann neben ihm schien nicht zu begreifen.
Saphiriel, hier ist kein Seil, dachte er verzweifelt.
Dann müssen wir versuchen das ganze Netz hochzuheben. Gansekiel blickte auf das Seil in seinen Händen und dann hinaus zu dem Netz. Wenn er das Seilende nahm und sich eilte, würde er mit dem Ende zu Saphiriel gelangen und wenn sie weiter unten am dem Seil zog, konnten sie vielleicht zu zweit das Netz daran hindern unterzugehen und den Jungen mitzuziehen, der jetzt schon keine Kraft mehr hatte mit den Beinen zu strampeln um sich oben zu halten.
Der alte Mann schrie protestierend, als Gansekiel ihm das Seil wortlos aus den Händen riss und sich mit einem gewagten Sprung nach oben katapultierte. Mit Entsetzen merkte er, wie er mit den Flügelspitzen das Wasser berührte. Er war doch so ein mieser Flieger.
Er benötigte all seine Kraft um mit den Flügeln stark genugzu schlagen um jetzt nicht ins Wasser abzustürzen, dass er keuchend und nach Atem ringend mit dem Seil in der Hand über dem Netz ankam und dann beinahe schon keine Kraft mehr hatte, jetzt auch noch mit dem Zug, der darauf lastete, an Höhe zu gewinnen. Nicht nach den Übungen heute! Verzweifelt schlug er mit den Flügeln und spürte bereits wie seine Muskeln ob der Anstrengung zu schmerzen begannen.
Als Saphiriel aber dann weiter unten an dem Seil zog, schafften sie es tatsächlich das Fischernetz ein wenig, wenn auch nicht ganz aus dem Wasser zu bekommen, und sie hatten Glück. Da es ja Abend war, waren noch keine Fische gefangen worden und sie hatten nur das leere Netz und die Senkgewichte.
Gansekiel, zieh' nicht zu stark, wenn wir das Netz zu hoch heben, werden die Nylonmaschen den Jungen womöglich verletzen oder würgen!
Er konnte eh kaum mehr etwas tun. Immerhin erreichten sie, dass das Kind jetzt nicht mehr unter Wasser gedrückt wurde, wenngleich es auch in einer gefährlich verdrehten Stellung im Netz hing und leise stöhnte. Sicher schnitten die Nylonmaschen in dessen Fleisch und sicher hatten sie seine Lage kaum verbessert, aber wenn nicht bald jemand kam, war es aus.
Mittlerweile war auch der Fischer bei seinem Sohn und versuchte dem Knaben irgendwie zu helfen, aber auch er schaffte es wohl nicht die Maschen so schnell mit dem Messer durchzuschneiden. Die Lage spitzte sich zu und noch immer hatte Gansekiel keine Antwort.
Er keuchte Mittlerweile und glaubte einfach jeden Augenblick abzustürzen und auch Saphiriel unter ihm wirkte bereits erschöpft. Er konnte sich auch kaum mehr konzentrieren noch irgendwie seine Macht zu benutzen, die es ihm ermöglichte jemand aus dem Himmel zu hören.
Die Stimme, die dann doch noch von dort zu ihm durchdrang, war leise und er verstand sie kaum, aber soviel wusste er: Hilfe war unterwegs. Dann, plötzlich gab es einen heftigen Ruck am Seil und es wurde ihm einfach aus den Händen gerissen, schürfte und schnitt dabei noch schmerzhaft durch seine Handflächen und schlug wie ein Peitsche mit solcher Wucht direkt über Saphiriels Flügel, dass Gansekiel, noch während er verzweifelt versuchte sein Gleichgewicht in der Luft wiederzufinden, ihren Schrei hörte und dann ein Geräusch, das ihn selbst aufschreien ließ.
Sie war kaum drei oder vier Meter über dem Wasser gewesen und das Klatschen, das so eben erklungen war, kannte er. Die Strömung hatte das Netz erfasst. Das Kind ging unter und Gansekiel sah mit Entsetzen wie auch Saphiriel unter ging, während er sich mit letzter Kraft abfangen konnte.Für einen Augenblick war er vor Angst einfach wie gelähmt und sah dann mit Erstaunen, wie die Gestalt Saphiriels unter Wasser die Flügel spreizte, so weit es nur ging und dann, plötzlich, die Wasseroberfläche durchbrach.
Er hörte sie husten und keuchen und bewunderte sie. Ihre geöffneten Flügel hielten sie oben, doch lange würde sie das nicht aushalten. Sie musste sie ständig nach unten drücken, gegen den Auftrieb des Wassers, damit sie ihren Kopf über Wasser halten konnte. Sie hatte kräftige Flügel und einen guten Abwärtschlag, mit dem sie ja sogar aus dem Stand in die Luft kommen konnte und deswegen würde sie sich vielleicht so halten können.
"Gansekiel... hilf dem Jungen... schnell!", rief sie und er gehorchte in der Hoffnung, sie würde es schon schaffen. Aber als er wieder nach vorne sah, erblickte er im Dunkeln nur den Mann im Wasser, der grade verzweifelt seinem Kind nachtauchte. Gansekiel verwünschte seine Flügel, er konnte nichts tun.
Plötzlich tauchte der Mann wieder auf, einen Teil des Netzes mitsamt dem Jungen in den Armen haltend. Ein krächzender Hilfeschrei drang bis zu Gansekiel.
Wo war das Boot? Er sah über die Schulter... Irgendwo hinter ihnen, der alte Mann ruderte es in ihre Richtung. Der Fischer unter ihm war nun selbst teilweise im Netz verwickelt und versuchte, seinen ohnmächtigen Jungen und das Netz oben zu halten, während er verzweifelt Wasser trat und die Strömung noch immer drohte Beide wieder unter Wasser zu reißen.
Gansekiel wusste nicht mehr was er machen sollte, das Seil war weg und wenn nicht sofort irgendwer dort unten war, würden die Menschen jämmerlich ertrinken.
Er hatte nur einmal von einem Urieliten gehört, dass man schwimmen konnte, wenn man die Flügel dazu benutzte sich oben zu halten. Die Luft in den Federn sorgte für Auftrieb und wenn man es schaffte die Flügel auszustrecken, konnte man theoretisch zumindest an der Wasseroberfläche bleiben, solange man seinen Kopf irgendwie hoch genug hielt und nicht in Bauchlage geriet.
Gansekiel überlegte nicht lange sondern ließ sich einfach fallen. Er spürte wie das kalte Wasser seinen Körper umfing und er sofort unterging. Nur mit der Macht der inneren Ruhe gelang es ihm überhaupt sich nicht dazu hinreißen zu lassen, jetzt panisch zu zappeln und dann merkte er, welchen großen Fehler er gemacht hatte. Er war doch schon so müde gewesen und jetzt schaffte er es einfach nicht seine Flügel zu öffnen und zurück an die Wasseroberfläche zu kommen.
Mit einer Seite voran ging er langsam unter und der Auftrieb sorgte zugleich dafür, dass er weder richtig abtauchen, noch ganz nach oben kommen konnte.
Er hatte vielleicht zwei Minuten, dann würde er ertrinken. Diese kalte Erkenntnis, wie es um ihn bestellt war erschreckte ihn viel mehr, als die Tatsache, dass er sterben konnte. Er mochte diese Macht nicht, denn nahm seine Gedanken geangen, aber das war nötig ehe er in Panik geraten konnte.
Zieh' die Flügel an Gansekiel!, das war Saphiriel gewesen. Sie wusste immer was zu tun war. Er machte was sie wollte und zumindest das gelang ihm nun unter Mühe. Sofort spürte er, wie das Wasser über ihm zusammenschlug und er, ohne die Haltung seiner Flügel, in die Tiefe gezerrt wurde. Die Panik, die das Wasser in seinen Augen und seiner Nase auslöste wurde noch immer von der Macht der inneren Ruhe unterdrückt, aber er fühlte, wie auch diese schnell nachließ. Er war noch nie besonders gut darin gewesen, diese Macht einzusetzen und er war noch immer in der eisgen Strömung des Wassers gefangen.
Du musst die Flügel wieder aufmachen Gansekiel, sobald du ganz unter Wasser bist!, befahl Saphiriel. Er war froh um ihre Stimme. Ohne diese hätte er sicher jetzt die Nerven verloren. Gar nicht weit unter sich sah er jetzt verschwommen im Wasser irgendetwas schwarzes aufragen. Er konnte es nicht genau erkennen, aber es sah aus, als bestünde es aus vielen Streben und schwarzem Metall. Doch es war so finster, dass er kaum mehr ausmachen konnte. Dennoch klammerte er sich daran fest und spürte kaltes Metall an seinen Fingern, von Algen bewachsen und bröselig. Mit immer mehr Luftnot und einem Stechen in den Lungen tastete er um sich, während ihm einfiel, dass hier früher, vor der Flut vielleicht einmal eine vorsintflutliche Stadt gewesen war. Vielleicht waren das solche Eisenkonstruktionen, wie er sie schon in ruinösen vorsintflutlichen Städten gesehen hatte.
Seine tastenden Finger fassten plötzlich in die Nylonschnüre des Netzes. Das also hatte den Ruck verursacht. Das Netz hatte sich verfangen! Er schaffte es noch diese Tatsache Saphiriel zu übermitteln aber dann spürte er, wie der Luftmangel und der Druck auf seiner Lunge immer schlimmer wurden. Er war zu müde. Er konnte nicht mehr. Und das Zerren an den Nylonschnüren um sie irgendwie loszubekommen war nur teilweise von Erfolg gekrönt. Er konnte eine Netzschlinge, die sich verfangen hatte, mit letzter Gewalt und klammen Fingern loszerren, wobei sogar ein Teil des Gestänges nachgab, in dem es sich verfangen hatte. Ein gutes Stück des Netzes stieg nun nach oben.
Gansekiel, das war gut, jetzt zieht es sie nicht mehr so sehr hinunter... Gansekiel?
Er hatte es getan. Er hatte Luft holen müssen. Seine Lunge hatte es einfach gemacht, ein Reflex der ihn nun das Leben kostete. Er wollte das fremde, kalte und stechende Nass wieder aushusten, aber es ging ja nicht, denn alles was er in den Mund bekam war wieder Wasser und der Luftmangel ließ sein letztes Bißchen Selbstbeherrschung nun völlig zusammenbrechen.
Panisch strampelnd versank er und seine Hände fanden nirgends mehr Halt. Sein Kopf dröhnte und er hatte das Gefühl, als würde sich ein eisernen Ring um seine Rippen legen und zugedrückt werden, während alles schwarz und dunkel um ihn wurde. Er wollte doch noch nicht gehen. Nicht so... nicht im Wasser. Sein letzter Gedanke...
... ihm ihren Atem zu schenken
"Da! Da unten sind sie!" Selbst Jurmaels scharfe Augen hatten die kleinen Punkte auf der spiegelnden Oberfläche des Sees nur mit Glück ausmachen können. "Schnell! Sieht aus als hielten sie nicht mehr lange durch!" Jurmael von den Urieliten achtete nicht weiter darauf, ob die anderen Engel, die zusammen mit ihm so überhastet aufgebrochen waren, folgten, er ging sofort in einen steilen Sturzflug über. Der Wind riss einige Strähnen aus seinem Zopf, die wie kleine Wimpel hinter ihm herflatterten, als er auf das schwankende Boot zustürzte.
Ryandael, der junge Gabrielit, der Jurmael gefolgt war, hatte noch gar nicht realisiert was vorsich ging.
"Was ist los?", rief er mit einem fragenden Unterton zu Jurmael.
Nur mit Mühe erkannte er Details. Der Wind biss in seinen Augen und erst als er kurz über der Wasseroberfläche abbremste, war es ihm möglich, genaueres zu erkennen: Ein Boot, von der starken Strömung geschaukelt, wurde von einem alten Mann auf eine Stelle im Wasser zugerudert, an der anscheinend mehrere Personen in den Fluten zu versinken drohten und Jurmael hätte sie sicher gar nicht bemerkt, wenn nicht eine der zappelnden Gestalten Schwingen besessen hätte, die durch die Dunkelheit weiß herüberstrahlten. Doch gerade als er auf die Ertrinkenden zustürzen wollte, bemerkte er aus dem Augenwinkel ein weiteres Glänzen heller Schwingen, allerdings mehrere Meter unter der Oberfläche!
"Ryandael! Da unten! Im Wasser ist ein Engel! Du kannst doch schwimmen, versuch ihn da raus zu holen, schnell! Akaiel, hilf mir, die Anderen zu retten!", rief er dem Gabrieliten und dem etwas älteren Ramieliten, der sie begleitet hatte, zu und versuchte dabei verzweifelt, das Tosen des Windes, das Rauschen des strömenden Wassers und das Schlagen seiner eigenen Schwingen zu übertönen.
Akaiel hatte Gansekiels Ruf gehört. Er kannte den etwas älteren Ramieliten aus der Postulantenzeit, als Gansekiel in seine Gruppe gekommen war. Für Gansekiel war es peinlich gewesen, da er schon das zweite Mal diesen Teil der Ausbildung hatte machen müssen. Er war einfach noch nicht bereit gewesen geweiht zu werden. Und Akaiel wunderte sich kurz ein wenig, dass Gansekiel all die Jahre überlebt hatte, obwohl er laut den Ausbildern kein vielversprechender Engel gewesen war. Laut hatte man das natürlich nie gesagt. Aber Akaiels Ohren waren gut.
Jetzt vernahmen sie das verzweifelte Schreien der beiden Menschen im Wasser, während sich die andere Ramielitin, die noch im Wasser trieb, aus eigener Kraft oben hielt.
"Jurmael, wir brauchen ein Seil!", brüllte er so laut er konnte.
Saphiriel war indes sehr froh, endlich andere Engel zu sehen.
"Kümmert euch um die ... Menschen!", rief sie und trat weiterhin Wasser, noch konnte sie durchhalten. Sie hoffte es zumindest, aber die Menschen hatten Vorrang und sie machte sich schreckliche Sorgen um Gansekiel. Als sie jedoch sah, was der Gabrielit, der mit den beiden anderen Engeln gekommen war, tat, schöpfte sie wieder neuen Mut und versuchte sich weiterhin an der Oberfläche zu halten.
Ryandael stutzte kurz, vergewisserte sich dann nocheinmal mit einem gezielten Blick - tatsächlich, auch er sah die hellen Flügelspitzen des untergehenden Engels im Wasser in einer Reflektion aufblitzen. Dann sah er Jurmael an und rief:
"Bin schon unterwegs..." Mit diesen Worten holte der junge Gabrielit noch einmal tief Atem, dachte jedoch nicht mehr großartig nach, denn die Zeit drängte, und er wollte nicht durch sein Zögern unnötige Zeit verlieren, die den Engel vielleicht das Leben kosten würden.
Also beschleunigte er noch in der Luft und tauchte aus dem Flug hinaus in das Wasser ein. Kurz vor er in das eisige Nass rauschte, legte Ryandael die Flügel ganz dicht an seinen Körper, denn jenes verhinderte, dass er sich beim Auftreffen auf die Wasseroberfläche die Schwingen brach und zum Zweiten hatte es den Vorteil eine höhere Geschwindigkeit zu erzielen. Er versuchte mit diesem Schub so weit weit wie möglich in die Tiefen vorzudringen.
Umgeben von kalter Schwärze orientierte sich der junge Gabrielit ersteinmal, seine Blicke schweiften einige Male umher und dadurch verlor er wertvolle Zeit, die den sinkenden Engel vielleicht doch noch das Leben kosten würden. Hektisch blickte er sich ein letztes Mal um. Eben hatte er ihn doch noch gesehen!
Dann endlich sah er einige Meter weiter unter ihm eine helle Flügelspitze, die durch die zunehmende Tiefe immer und immer mehr verblasste. Nun musste er sich wahrlich beeilen, sonst war für jenen Engel das letzte Stündlein gekommen und dieses wollte Ryandael verhindern. Er musste es schaffen!
Ryandael begann mit kräftigen Schwimmzügen nach unten zu tauchen. Nach kurzer Zeit merkte er wie schwer es doch war gegen die tosenden Strömungen und die gewaltigen Kräfte der Natur anzukämpfen. Also entschloss er sich dazu die Macht Goliaths Stärke einzusetzen und sogleich beflügelte ihn eine neue Kraft, eine gewaltige Kraft mit welcher es vermutlich schaffen würde gegen die Urgewalten der Strömungen anzukommen.
Und so setzte er seine Schwimmzüge fort, noch kräftiger und noch schneller. Langsam aber sicher hatte er tatsächlich den Eindruck, als würde er den Engel einholen. Die Flügel, welche ihm vorher noch so blass und so klein erschienen waren, vergrößerten sich vor seinem Auge und erstrahlten in voller Pracht. Er spürte, dass er es bald geschafft hatte.
Noch ein paar Schwimmzüge..., rief er sich immer wieder in seine Gedanken. Nach kurzer Zeit und weiteren Schwimmzügen hatte er es geschafft, er befand sich mit dem Engel auf gleicher Höhe. Jetzt musste er nur noch unter ihn tauchen. Das tat Ryandael dann auch und begann dann langsam aber sicher Gansekiel hochzudrücken. Es durfte aufgrund des Druckes nicht so schnell von Statten gehen. Auf der anderen Seite hingegen musste er sich jedoch immens beeilen, er hatte keine Ahnung wie es um den Engel stand.
Komm schon Ryandael. Noch ein Stück, dachte er, um sich selbst anzuspornen. An der Oberfläche angekommen, schnaufte Ryandael erleichtert prustend tief durch.
"Jetzt bloß keine Zeit verlieren...", hustete er und begann Richtung Ufer zu schwimmen. Jenes stellte sich als eine sehr, sehr mühselige Arbeit heraus, doch er bemühte sich weiterhin mit kräftigen Schwimmbewegungen Richtung Ufer zu kommen. Es war schwer, fast unmöglich, denn die durchnässten Flügel des Engels, und die seinen machten ihm zu schaffen. Ohne Goliaths Stärke wäre er sicher nicht in der Lage gewesen überhaupt etwas gegen die Strömung auszurichten.
Nach einer doch recht geraumen Zeit erreichten Beide das Ufer und Ryandael schob den Engel vorsichtig und langsam an Land, und kletterte dann selber nach.
Ein Seil! Natürlich! Er verfluchte sich, dass er nicht gleich darauf gekommen war. Immer setzte sein Urteilsvermögen in solchen kritischen Situationen aus, weil er zuviel Angst hatte, etwas falsch zu machen. Blitzschnell löste er das verfranste Hanfseil, dass er sich um die Hüften geknotet hatte, und ließ das eine Ende zu den wassertretenden Personen hinab. Er fluchte erneut, dass er den Menschen da unten nicht besser helfen konnte, doch er konnte nicht schwimmen und so musste er hilflos zusehen, wie der Mann, wassertretend und sein ohnmächtiges Kind umklammernd, versuchte mit einem Arm das Seil zu fangen. Doch dieses wurde von Jurmaels eigenem Flügelschlag hin- und hergepeitscht, und erst als er sich kaum noch über Wasser halten konnte gelang es dem Fischer, das Ende zu fassen.
Behände gelang es dem Mann, der es allem Anschein nach gewöhnt war, mit Seilen zu arbeiten, das Seil fest um den schlaffen Körper seines Sohnes zu knoten und Jurmael ein Zeichen zu geben.
Mit aller Kraft zog und zerrte der Urielit, doch er war einfach nicht stark genug, die beiden Menschen aus dem nassen Griff der kalten Fluten zu befreien, die beide Körper erbarmungslos in die Tiefe zu zerren suchte.
"Akaiel! Ich schaffe es nicht, hilf mir!", schrie Jurmael dem Ramieliten entgegen, der sich nicht lange mit Worten aufhielt, sondern sofort hinzukam und - etwas tiefer, um Jurmael nicht zu behindern - anpackte und an dem Seil zerrte. Jurmaels Muskeln spannten sich, er hatte das Gefühl sie wollten reißen, sein Körper war nicht stark genug, ja regelrecht schwach für einen Urieliten. Er legte all seine Kraft in das Bemühen, die Ertrinkenden aus dem Wasser zu befreien. Punkte begannen vor seinen Augen zu tanzen, als er merkte wie die Kraft aus seinem Körper wich.
Nur mit Mühe schafften es die beiden Engel, die Menschen dem Sog des Wassers zu entreißen und ein Stück emporzuheben, doch noch immer waren die Beiden bis zu den Hüften in den Fluten versunken. Und wäre in diesem Augenblick der alte Mann mit dem Ruderboot nicht angekommen und hätte die beiden Ertrinkenden an Bord ziehen können, Jurmael wäre sicherlich nach ein paar Sekunden zusammengebrochen.
Behutsam schob Ryandael den Engel an das Ufer, kletterte dann wenige Sekunden später nach und blickte verzweifelt in das mittlerweile schon blasse Gesicht des Ramieliten.
"Komm schon... wach auf...", sprach Ryandael zunächst sanft auf den Engel ein. "Du bist in Sicherheit... wach bitte auf!"
Als Ryandael merkte, dass auch jenes nichts brachte, begann er sachte den Engel zu rütteln.
"Wach auf!", schrie er immer wieder auf den Engel ein - nichts geschah. Langsam aber sicher bahnte sich in Ryandaels Gesichtsmimik ein Hauch von Verzweiflung.
"Wach auf!!!", schrie er den Engel jetzt beinahe an und begann kräftiger an ihm zu rütteln als zuvor, doch wiederum geschah nichts. Dann sprang Ryandael in seiner völligen Verzweiflung auf, und rannte unkoordiniert umher - was sollte er nun tun? Er rannte zum Wasser.
"Wir brauchen Hilfe !!! SCHNELL!!!" Kurze Zeit später rannte er dann wieder zu dem ertrunkenen Engel und kniete sich neben ihn, blickte sich jedoch immer wieder hektisch um, in der Hoffnung, dass jemand kommen würde um zu helfen.
Schließlich hatten sie es geschafft. Der Junge und sein Vater lagen erschöpft, aber nun sicher in dem schwankenden Boot, und der alte Mann begann, gegen die Strömung in Sicherheit zu rudern. Aber etwas war da doch noch. Verdammt! Der Engel! Dem Herrn sei Dank hatte Akaiel daran gedacht, dass ja noch ein anderer Engel im Wasser gewesen war und nun - mit merklich schwindenden Kräften - versuchte, sich über Wasser zu halten. Dabei stellte er sich allerdings noch immer bemerkenswert geschickt an, hatte die Flügel auf dem Wasser aufgelegt und schaffte es so, den Kopf an der Oberfläche zu behalten. Als Jurmael Akaiel half, den Engel aus dem Wasser zu ziehen, gestaltete es sich trotz der Flügel längst nicht so schwierig wie die Rettung der beiden Menschen. Akaiel und er konnten mit dem Seil, das der Fischer wieder losgebunden hatte, die Ramielitin schnell hochziehen.
"Wohin jetzt?", fragte Jurmael keuchend.
"Zum Ufer, würde ich sagen. Das Boot ist zu klein als dass es sie noch tragen könnte.", rief Akaiel hinüber. Jurmael nickte wortlos und die beiden Engel begannen, die Ramielitin fliegend zum Ufer zu schleppen.
"Sag mal, du bist ein ziemlich guter Flieger für einen Ramieliten", fiel Jurmael auf, worauf sich Akaiel ein Grinsen nicht verkneifen konnte.
"Na ja...ich war lange bei euch in Mont Salvage stationiert und hab mir einiges von euch Spinnern abgucken können. Zu irgendwas muss so ein Aufenthalt da ja gut sein...", brüllte er noch, keuchte aber ebenfalls.
Jurmael grinste nun etwas breiter und wollte gerade etwas erwidern als die Ramielitin plötzlich hustete und den Kopf hob. Sie spuckte etwas Wasser aus und sah die beiden älteren Engel erst leicht verwirrt, dann beinahe panisch an. Offenbar hatte sie sich mehr instinktiv am Seil festgehalten und realisiert erst jetzt, in welcher Gefahr sie geschwebt hatte.
"Wo...wo ist Gansekiel?", rief sie.
"Ist das der Engel, der bei dir war?", rief Jurmael zurück, während sie weiter aufs Ufer zuflogen.
"Ja, wo...wo ist er?", rief sie und sah zu ihnen auf, als wolle sie bereits selbst schon wieder fliegen. Jurmael traute ihr das sogar fast zu.
"Ganz ruhig...wir bringen dich zu ihm, er müsste dort am Ufer sein."
Saphiriel, die mittlerweile wieder richtig Luft bekam, denn Wasser hatte sie mehr als genug geschluckt, sah nun selbst am Ufer eine Gestalt herumrennen. Der Gabrielit! Er rief um Hilfe. Panik erfasste sie, als die beiden Retter sie am Ufer absetzten und sie sich mit gespreizten Flügeln bremsend fallen ließ. Die Erschöpfung spürte sie nur allzudeutlich, aber sie war wie weggeblasen, als sie den leblosen Körper von Gansekiel sah. Ihr Herz drohte einen Moment auszusetzen.
Engel ertranken doch nicht einfach so! Er DURFTE nicht tot sein! Herr, stehe deinem Diener bei, ich bitte dich!, flehte sie in einem Stoßgebet, ehe sie zu Gansekiel stürzte und sich neben ihn in das Geröll des Strandes kniete.
Akaiel dachte zuerst etwas völlig anderes, als er sah, was Saphiriel nun machte. Natürlich hatte er schon mal davon gelesen. Man konnte Ertrunkene wiederbeleben, auch ohne Raphaelit zu sein. Saphiriel murmelte vor sich hin.
"Die Person auf den Rücken drehen und Kopf überstrecken... auf den Rücken... schnell helft mir, ihr müsst seine Flügel unter ihm ausbreiten und flach hindrücken, sonst geht es nicht!", rief sie dann und Akaiel beeilte sich mit Jurmaels Hilfe dem nachzukommen, während Saphiriel, wie einer inneren Litanei folgend, den Kopf des leblosen Engels vorsichtig überstreckte und dann vor sich hinsagte: "Den Mund aufmachen und sich vergewissern, ob der Rachenraum frei ist." Akaiel hatte das tatsächlich schon einmal gelesen. Das lernten auch Raphaeliten. Die wussten sowas auswendig.
"Zweimal beatmen, dazwischen kurz aufrichten und Luft holen. Dafür sorgen, dass Luft nicht durch die Atemwege der Nase entweicht.", Saphiriel machte auch dieses und Akaiel fand den Anblick recht seltsam. Das sah genau wie küssen aus!
"15 Mal Druckmassage durchführen..." Akaiel sah erstaunt zu, wie Saphiriel anschließend auf dem Brustkorb des Ramieliten herumtastete und nach etwa einer Sekunde offenbar den korrekten Punkt gefunden hatte, ehe sie sich aufrichtete und mit sanfter aber bestimmter Gewalt damit begann es wie aus dem Lehrbuch auszuführen.
Es sah ziemlich anstrengend aus. Akaiel wartete, bis sich die Ramielitin wieder mit der Beatmung beschäftigte und rief dann, "Bleib du da und beatme und ich mache hier weiter. Ich kenne diesen Text!" Er musste sich für einen Augenblick besinnen und hoffte, dass das was sie da machten überhaupt funktionierte. Immerhin war der Text für die Widerbelebung von Menschen geschrieben worden und er hätte nie im Traum daran gedacht so etwas einmal bei einem Engel zu versuchen. Zumal er da auch gelesen hatte, dass man den Leuten auf diese Art auch die Rippen brechen konnte. Für ihn war dies immer eine sehr unbeholfene Methode gewesen und wie es aussah auch keine sehr wirksame. Aber sie hatten keinen Raphaeliten da, der es mit einfachem Handauflegen tun konnte.
Akaiel und Saphiriel versuchten die Prozedur mehrere Male und Akaiel sah, wie Saphiriel immer verzweifelter wurde.
Saphiriel konnte jetzt nicht aufgeben. Sie musste nur durchhalten, obwohl ihr bereits schwindlig war. Sie hatte beim Schwimmen selbst so viel Wasser verschluckt und jetzt musste sie für Zwei atmen, aber sie konnte nicht zulassen, dass ein Engel ertrank. Sie vergaß zu beten, konnte gar nicht, weil sie so oft dran war ihre Lippen auf die des bleichen Engels zu drücken und ihm ihren Atem zu schenken. Der andere Ramielit stellte sich geschickt an und war viel kräftiger, als sie und dennoch verzweifelte sie langsam.
Es war ihre Schuld, sie hatte Gansekiel mit hierhergebracht. Es war eigentlich nicht wahr, denn sie waren hier gewesen um ein Kind zu retten, aber wollte Gott denn für das Leben eines Kindes, das eines Engels haben?
"Wach auf,... bitte!", flehte sie, in einer Atempause und als sie sich anschließend mit Tränen der Wut und Verzweiflung wieder niederbeugte, riss der Ramielit plötzlich und unvermittelt die Augen auf und sie prallte erschrocken zurück, während ihr Ordensbruder hochfuhr und keuchend und würgend nach Luft rang.
Wenigstens hatte Gansekiel länger nichts gegessen. So war alles was aus ihm hervorkam nur klares Salzwasser das er beinahe auch noch über eine andere Gestalt verteilte. Seine Lungen brannten und jeder Atemzug schmerzte, innerlich wie äußerlich, und war doch so köstlich, dass er kaum genug davon bekommen konnte. Sein Herz raste, vor Schreck und Entsetzen, aber auch Freude. In seinen Stirnhöhlen brannte es, sein Kopf fühlte sich an, wie eine längst überreife Tomoffelfrucht - als wolle er platzen. Und ihm war übel, aber es war gut am Leben zu sein. Mit bläulichen Lippen und immer noch leichenblass sank der Ramielit zurück in den Kies. Noch rang er mit leise rasselndem Atemgeräusch mühsam nach Luft. Aber er lächelte, wenngleich verzerrt. Er war am Leben!
Jetzt erst sah er Saphiriel und die anderen Engel vor sich. Er wollte so viel fragen, aber zugleich fühlte er sich plötzlich sehr müde. Und so blieb er lieber einfach so dort liegen. Genoss jeden Luftstrom, den seine Lunge, trotz des Brennens, gierig einsog und sogar das Pieksen von Kies an seiner Haut und die Nachtkälte waren ihm jetzt willkommene Gefühle. Ein beinahe runder Mond lächelte zu ihm herunter und ließ die hellen Flügel der anderen Engel silbrig glänzen.
In der Zwischenzeit hatte das Ruderbot in ihrer Nähe angelegt. Der Fischer wirkte erschöpft aber überglücklich und trug seinen Sohn auf dem Arm heran. Der Junge war etwa 11 oder 12 und hatte einige Schnittverletzungen durch das Netz davongetragen. Der Bub hatte blaue Lippen und bibberte vor Kälte, während der alte Mann sich bemühte das Kind in seine Jacke zu wickeln.
Jurmael und Ryandael brauchten fast eine ganze Minute, ehe sie Feuer angemacht hatten. Der Urielit schichtete Treibholz auf, das überall am Strand lag und obwohl ein Flammenschwert eigentlich nicht dazu da war um Lagerfeuer anzuzünden, brachte die heiße Flamme von Ryandaels Schwert selbst das nasseste Holz schnell zum brennen.
Akaiel war es gelungen endlich weitere Engel zu mobilisieren. Er hatte die beiden Fischer davon abgehalten zum Dorf zurück rudern zu wollen und das verletzte Kind vorsichtig neben Gansekiel gebettet. Der Ramielit rührte sich nicht und schien zu schlafen. Auch Saphiriel wirkte müde und schweigsam. Aber Akaiel war sich sicher, dass der angeforderte Raphaelit sich gleich um alles kümmern würde.
Tamael staunte nicht schlecht, als er am Ufer des Sees landete. Seine Schar wartete im Hintergrund, während der Raphaelit auf die Gruppe am Feuer zuging. Dort erkannte er den Engel mit dem Nasenbeinbruch und Saphiriel wieder.
"Ihr scheint heute einen besonders aufregenden Tag zu haben, wie mit scheint!", lächelte er und näherte sich dann den beiden am Boden liegenden Gestalten.
Gansekiel wurde unvermittelt aus seinem Schlaf gerissen. Er war so müde gewesen, dass er wohl einfach eingenickt war, aber plötzlich fühlte er sich hellwach und sah erstaunt das bekannte Gesicht von Tamael vor sich.
"Psst, bleib liegen - und lass mich das machen!", befahl der Raphaelit streng. Alle Kälte und Erschöpfung wicht von Gansekiels Körper und Wärme und neue Kraft schienen sich in ihm auszubreiten, je länger Tamael seine Hände auf Gansekiels Brustkorb gedrückt hielt. Der kleine Junge, der beinahe ertrunken wäre, saß völlig verdattert und auf seine Arme und Beine herabsehend im Kies und wurde abwechselnd von seinem Vater und dem Alten umarmt und bestaunt. Tamael hingegen wollte keinen Dank haben und verabschiedete sich kaum, dass der fertig war auch nach Saphiriel zu sehen, mit ein paar Worten von den Fischern, lieber Gott zu danken, als ihm und grinste dann Saphiriel und Gansekiel nocheinmal zu.
"Ich hoffe ich kann euch jetzt alleine lassen, ohne, dass ihr noch mehr anstellt!"
Saphiriel indes sah so aus, als wäre sie dem Heiler am liebsten um den Hals gefallen, während sie ihn anstrahlte. Tamael lachte, als sie versprach in Zukunft besser auf Pechvogel Gansekiel acht zu geben und sie platzte fast vor stolz, als Tamael Ryandael und ihr seinen Respekt aussprach, wie sie den Ertrinkenden gerettet hatten.
Gansekiel stand die ganze Zeit mit hochrotem Kopf daneben und war froh, dass die Menschen sie nicht verstehen konnten. Er hatte ja wirklich nicht viel ausgerichtet hier. Tamaels Schar wartete und sie schienen es eilig zu haben, so dass Gansekiel Tamael kaum mehr als ein gestottertes "Danke" sagen konnte, ehe der Raphaelit davon ging und sie am Ufer zurückließ.
Er musste sich auch bei den anderen vier Engeln bedanken, besonders bei Ryandael. Es war Gansekiel unendlich peinlich, dass er mal wieder am meisten Ärger verursacht hatte und konnte zum wiederholten Mal nicht verstehen, wieso ausgerechnet er die Scriptura erhalten sollte.
... und der neue Tag erwacht
Im Himmel zu Prag saß die kleine Gruppe Engel auf der Brüstung. Jurmael, Ryandael, Saphiriel und Gansekiel blickten über den Nebel, der über dem Land hing. Nach ihrerm Rückflug zum Himmel hatte Akaiel leider weg gemusst um seinen zugeteilten Aufgaben nachzukommen, doch die Übrigen sahen schweigsam hinunter und ließen die Füße baumeln. An Mediation hatte keiner denken wollen, nachdem sie zurückgekehrt waren. Zu aufgekratzt waren sie über die Tatsache, dass ein Engel auch einfach ertrinken konnte.
"Manchmal ist es nicht die Traumsaat, die einem nach dem Leben trachtet und kein Ketzer, der versucht ein Kind zu töten. Es ist das Leben selbst, das so unendlich gefährlich sein kann.", hatte Saphiriel gesagt. Ryandael schien am allermeisten über die Tatsache betroffen zu sein, dass Engel einfach so sterben konnten und auch Gansekiel fragte sich, ob dies wirklich das Ende gewesen wäre. Von Wasser würde er sich in Zukunft tunlichst fernhalten. Engel gehört in den Himmel und nicht ins Wasser.
Er war plötzlich ganz froh, kein Fischerssohn zu sein und dort unten jeden Tag sein Leben zu riskieren, das so einfach enden konnte... nicht im Kampf gegen die Traumsaat sondern einfach bei der täglichen Mühsal genug zu Essen für die Familie zu fangen.
"Könnstest du mir beibringen wie man schwimmt?", fragte Saphiriel jetzt an Ryandael gewandt.
"Eigentlich sollte ER das lernen!", meinte der Gabrielit verschmitzt und grinst Gansekiel zu, der grummelnd vor sich hin murrte.
"Ich würde es auch gerne lernen!", meldete sich Jurmael nun zu Wort.
"Sicher wachsen uns noch Flossen, wenn wir das ernsthaft trainieren!", prophezeihte der Gabrielit.
"Ich hatte genug Wasser, glaubt mir!", wehrte Gansekiel ab. Zu viert sahen sie wieder hinunter auf die glitzernde Wasseroberfläche der schwimmenden Stadt, die sich nun aus dem Dunst schälte. Die aufgehende Sonne leuchtete auf den letzten Nebelschwaden und färbte das Wasser rot und golden, genau wie Saphiriels Haar, das im sanften Morgenwind wehte.
Gansekiel fragte sich, was Gott mit ihm vorhatte, dass er ihm solche Freunde schenkte. Ohne sie wäre er heute Nacht ertrunken.
Irgendwie waren sie doch wie Menschen, trotz der Flügel. Ihre Zeit auf Erden war kurz und viele von ihnen starben, während sie ihre Pflicht erfüllten und dies traf auf Engel und Menschen zu.
Ein Menschenleben vergeht so schnell wie das Laub der Bäume, dachte er. Gansekiel blickte hinunter auf das glitzernde, rotleuchtende Wasser und verstand zum ersten Mal in seinem Leben, dass er eines Tages sterben würde.
Aber nicht heute, dachte Saphiriel plötzlich, als wüsste sie genau welche düsteren Gedanken er gehegt hatte, dann lächelte sie ihn an und der neue Tag erwachte.
