„Na los, mach schon!“
Sie stand auf der Düne und schaut zurück zu ihrem Bruder, der sich durch den nassen Sand zu ihr hochquälte. Der Wind riss an dem dürren Dünengras, fegte ihr ihre blonden Locken ins Gesicht, heulte um die kleinen, flachen Bauernhäuser herum, die sich im Schutz der Dünen aneinander pressten.
„Mach schon!“
Sie drehte sich um, schaute voller Ungeduld zum menschenleeren Strand, auf die aufgepeitschten Wellen, die sich in weißen Fontänen an der Küste brachen, auf das nasse Holz, das die Flut wieder an den Strand gespült hatte.
Die grauen Wolken hingen tief am Himmel, kündeten ebenso wie der Sturm von einem nahen Gewitter. Aber darauf konnten sie jetzt keine Rücksicht nehmen. Wenn nicht heute – dann vielleicht gar nicht mehr! Sie wollte nicht noch länger warten, sie nicht – und Dirk auch nicht.
Schwer atmend kam ihr Bruder neben ihr zum Stehen.
Seine Hände umklammerten das Bündel, das sie seit Wochen in der hintersten Ecke des Stalles verborgen hatten. Seit jenem Tag, als sie zusammen am Strand gewesen waren, um nach Muscheln zu suchen, und dieses – Ding gefunden hatten.
Sie erinnert sich noch genau. Es war der Tag vor dem Lichtmessfest gewesen, musste so gewesen sein, denn sie waren ja Muscheln suchen gegangen, und die gab es nun mal am Lichtmessfest.
Dann hatte Dirk dieses Ding gesehen.
Es war über den Strand gehuscht, mal hierhin, mal dorthin. Hatte wild geknattert, war zur Ruhe gekommen, dann, plötzlich, wieder aufgeschreckt und weitergetobt. Sie hatten es für eine kleine Traumsaatkreatur gehalten, und waren in die Dünen geflohen – sie erinnerte sich noch an die Angst, die sie gehabt hatte, und schämte sich noch immer ein wenig dafür, dass sie sich so an Dirks Hand geklammert hatte. Sie war doch schon groß, mit fast fünf brauchte man seinen Bruder nicht mehr! Aber das Treiben der Kreatur auf dem Strand war zu spannend gewesen, als dass sie ganz weggelaufen wären – und hinter einem Büschel Dünengras versteckt hatten sie flach auf den Boden gepresst gelegen und es beobachtet.
Es war dunkel, und es schillerte an einigen Stellen – aber wie eine Traumsaatkreatur sah es nicht aus. Und so hatten sie sich beide einen Stock genommen und waren Seite an Seite auf es zugegangen. Es sah ein bisschen aus wie ein Korb, nur schien es viel, viel leichter zu sein, und im Wind zu fliegen wie ein Engel. Und dann hatte Dirk es gefangen. Es raschelte lustig unter seinen Händen, und als sie es angefasst hatte, hatte es sich seltsam glatt und unnatürlich angefühlt.
Drei Tage später hatten sie auf dem Boden des Stalles gesessen, und das Ding über ein paar Stöcke gespannt. Dirk meinte, vielleicht wäre es so stabil genug, den Wind länger zu fangen und in der Luft zu bleiben. Sie wusste, dass Dirk manchmal Gedanken hatte, die schon fast an Ketzerei grenzten. Man durfte nichts bauen, was fliegen konnte, das war falsch…
Aber es war spannend. Und sie hatte beschlossen, dass sie einfach am Abend um Vergebung für sich und Dirk beten würde – Gott hatte ihnen schließlich dieses Ding geschenkt, er würde verstehen, wenn sie damit etwas basteln würden, was seinen Kreaturen ähnlich war.
Und heute sollte es fliegen.
Sie schaute mit ihren großen, blauen Augen zu Dirk auf, er grinste sie an.
„Was ist, Lena? Angst?“
Er rannte mit großen Schritten den Weg zum Strand hinunter, schneller, als sie das mit ihren kurzen Beinen konnte. Sie stolperte in dem schweren, tiefen Sand, fiel lach vorne, rollte die letzten Meter der Düne herab, kam lachend wieder zum Stehen.
Niemand hier. Sie hatten den Strand für sich – und ihren Engel. Gut, er sah nicht aus, wie ein Engel, und die Flügel waren schwarz – aber es war ihr Engel. Und er sollte fliegen wie ein Engel.
Dirk wickelte das alte Leinentuch um ihn ab, ließ es auf den Strand fallen. Rollte das Garn ab, an dem sie ihn festhalten wollten, wenn er erst einmal in die Luft flog.
Lena stand neben ihm, biss sich aufgeregt auf die Lippe. Es war nicht richtig, was sie hier taten. Aber sie wusste, dass Dirk und sie es nie jemandem erzählen würden – und wenn Gott etwas dagegen hatte, dass sie diesen Engel gebaut hatten, dann hätte er ihnen erst gar nicht die Möglichkeit dazu gegeben. Dirk warf den Engel in die Luft – und er fiel auf den Boden.
„Mist.“ Seine dunklen Augen kniffen sich zusammen, sahen auf ihr so meisterlich ausgedachtes Fluggerät, das nicht fliegen wollte. „Der Wind greift nicht genug in seine Flügel…. Wir müssen ihr höher kriegen, damit er sich auffangen kann. Lena? Geh auf die Düne und wirf ihn hoch…“
Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Er wollte, dass sie dem Engel in die Luft half! Mit einem kleinen Freudenschrei griff sie nach den dünnen Weidenstäben, die die Flügel aufspannten, und rannte den Weg, den sie gerade gekommen war, wieder hoch. Auf halber Höhe spannte sich das Garn, und sie blieb stehen. Drehte sich um. Ihre kleinen Hände hielten den Engel umklammert. Sie hatte Angst, ihn loszulassen – Angst, dass er nicht fliegen würde, Angst, dass er kaputt gehen würde… Und die unbestimmte Angst, etwas Falsches zu tun. Etwas Gottloses. War das aufgeregte Prickeln in ihrem Körper ketzerisch? Ihre Hände zitterten leicht.
„Gut, lass ihn los!“
Dirks Stimme wurde durch den Wind zu ihr getragen, und sie warf den Engel in die Höhe. Wind griff in die Flügel, riss ihn knatternd nach oben. Trug ihn höher, und höher, und höher. Sie legte den Kopf in den Nacken, und schaute dem kleinen schwarzen Engel beim Fliegen zu. Es funktionierte! Sie hörte Dirk lachen, als der Wind an dem Garn riss, und rannte wieder zu ihrem Bruder an den Strand. Er hielt das Holzstück, um das sie das Band geknotet hatten, fest in der Hand, und schaute zu seinem kleinen Wunderwerk.
„Willst Du ihn auch mal, Lena?“
Und ob sie wollte! Ihre kleinen Finger schlossen sich um das feuchte Holz, und sie stieß einen überraschten Schrei aus, als sie die Kraft des Windes in ihrer Hand spürte.
„Halt ihn gut fest! Lass ihn nicht los!“
Nein, sie würde ihn nicht loslassen. Mit beiden Händen umklammerte sie das Stückchen Holz. Ihr Engel. Sie schaute zu ihrem Bruder auf – doch der hatte nur Augen für den glänzenden, schwarzen Punkt hoch im Himmel, für ihren Engel, der im Wind tanzte.
Plötzlich brach ein Blitz aus den Wolken. Funken stoben auf, ein grelles Leuchten ging von dem Engel aus, bevor er geborsten zu Boden taumelte. Der Blitz hing noch in der Luft.
Lena blinzelte. Nein. Das war kein Blitz.
„Großer Gott…“ Sie trat einen Schritt zurück, rempelte Dirk an, der ebenso sprachlos hinter ihr stand und in den grauen Wolkenhimmel starrte, und blieb mit offenem Mund stehen.
Dort oben, wo gerade noch ihr kleiner Engel geflogen war, stand ein Engel mit einem flammenden Schwert in der Luft. Mit starken Flügelschlägen verharrte er trotz des heftigen Windes exakt an der Stelle, wo ihr schwarzes Wunderwerk gewesen war, seine dunkle Kleidung hob sich scharf von dem weiß seine Flügel ab. Er schaute zu ihnen herunter.
Lena hatte sich noch nie so klein gefühlt.
Hinter ihm brachen vier weitere weiße Punkte aus den Wolken, genau gleichzeitig, näherten sich.
„Engel“, hauchte Lena atemlos, und ihre Hand suchte die ihres Bruders. Seine Finger waren feucht und kalt, seine Muskeln waren angespannt. Seine Hand drückte ihre, fast unangenehm fest. So, wie er es tat, wenn er wusste, dass sie Ärger von Papa bekommen würden. Nur vielleicht noch ein bisschen mehr.
Die vier Engel, die aus den Wolken gekommen waren, waren nun auf einer Höhe mit dem schwarz gekleideten Engel. Einem unsichtbaren, göttlichen Zeichen folgend flog die Schar auf die beiden Kinder zu. Dirk zog Lena einen Schritt zurück, der Druck seiner Hand wurde noch fester. Sie bemerkte es kaum. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt den fünf Engeln, die jetzt in einem perfekten Halbkreis vor ihnen standen.
Der in schwarz gekleidete war der einzige, der sein Schwert gezogen hatte. Seine Augen schienen sie zu mustern, abzutasten. Lena hielt den Atem an.
„Haeresis!“
Lena zuckte zusammen, auch wenn sie nicht wusste, was das Wort bedeutete. Sie hatte das Gefühl, dass ein Urteil über sie gesprochen wurde, etwas, das sie nicht verstand.
Die Stimme des dunklen Engels war scharf und kalt wie sein Schwert. Dirk wich einen weiteren Schritt nach hinten, zog Lena mit sich. Der stechende Blick des Engels verfolgte jede ihrer Bewegungen, seine dunklen Augen leuchteten mit einem eisigen, wütenden Feuer.
„Haereticos ignis sanat.“
Helle, lodernde Flammen umzüngelten den scharfen Stahl des Schwertes, als er auf sie zutrat. Lena hatte nicht mehr den Mut, zu schreien, sie konnte nur noch den Engel, den Boten Gottes, anstarren, der ihr gegenüber das Schwert erhob.
„Feraniel. Tranquilla te.“
Ein Engel mit hellen, langen Haaren trat einen Schritt vor, und hob seine Hand. Mit seiner warmen, weichen Stimme fuhr er fort etwas in der Sprache der Engel zu sagen:
„Puer puellaque sunt. Nolebant malus.“
Der dunkel gekleidete Engel schnaubte, sein Blick war immer noch voller Zorn – doch er hielt in seiner Bewegung inne.
„Puerita non proteget pro poena.“
“Feraniel!“
Der Engel, der gerade so sanft gesprochen hatte, legte nun deutlich mehr Nachdruck in seine Stimme. Der dunkle Engel warf ihm einen verachtenden Blick zu. Er steckte sein Schwert in die Scheide an seiner Seite, und fluchte leise. Der Wind riss die Worte mit sich fort.
„Gott mit Euch, Kinder. Ich bin Tareliel, und das ist meine Schar.“
Wieder die Stimme des Engels mit den goldenen Haaren. Lena wagte es kaum, zu ihm aufzuschauen. Hatte sie richtig gehört? Der Engel sprach mit ihr? Nachdem einer der Gottesboten gerade noch voller Zorn auf sie gewesen war, richtet nun einer seine Stimme an sie?
Es war Dirk, der als erster seine Stimme wieder fand.
„Gott mit Euch, Engel… Mein Name ist Dirk, und das hier ist Lena, meine Schwester.“
Selbst wenn Papa wütend war, hatte Dirk noch nicht so leise und heiser gesprochen.
Lena brachte es nicht fertig, den Blick von dem Engel zu heben, der sich ihnen als Tareliel vorgestellt hatte. Er war wunderschön. Sie wusste, sie sollte ihn nicht so anstarren. Sie wusste, sie sollte ihren Blick zu Boden richten, bevor seine Schönheit und seine göttliche Aura sie blenden würden. Aber sie konnte nicht.
Das helle Gewand schien förmlich um den schmalen, zierlichen Körper des Engels zu fließen, der Wind zog an seinem Rock, an seinen Haaren. Die dunkeln Linien, die sich fein über sein Gesicht und seine Arme spannten, bildeten einen scharfen Kontrast zu seiner blassen Haut. Es waren die Zeichnungen Gottes, die er trug.
„Dirk und Lena… Wisst ihr, warum mein Bruder Feraniel wütend über euer Verhalten ist?“
„Engel…“, Dirk schluckte, versuchte, eine Erklärung auszusprechen, die es nicht gab. Lena zitterte. Ja, es war unrecht gewesen. Und Gott würde sie richten durch seine Boten lassen. Sie hatten es nicht anders verdient – Ketzer und gottlose Menschen mussten gerichtet werden. Sie senkte den Kopf, wartete auf das, was unweigerlich nach ihrem schweren Verbrechen, etwas Technisches zu bauen, kommen musste.
„Wir haben doch nur dieses Tuch am Strand gefunden“, begann Dirk schließlich. „Wir haben uns nichts Böses dabei gedacht. Wir haben gesehen, dass es im Wind flog, und – dann habe ich es auf zwei Holzstäbe gespannt….“
„Wir wollte doch nur einen kleinen Engel bauen.“ Lenas Stimme war leise und voller erstickter Tränen.
„Einen Engel?“ Die Wut in der Stimme des dunklen Engels traf Lena wie ein Schlag, unter dem sie zusammenzuckte.
„Ihr wagt es, Euer ketzerisches Fluggerät als einen Engel zu bezeichnen? Als ein Wesen Gottes?“
Seine Hand lag wieder auf dem Schwert. Vielleicht hatte er es auch nie losgelassen.
Ketzerisch. Ja, er hatte Recht. Lena fielen die Worte von Fra Paul ein, mit denen er über die Ketzer gewettert hatte. Auf sie wartete eine Ewigkeit in der Hölle. Sie wollte nicht in die Hölle. Sie wollte nach Hause.
„Bruder. Sei nicht so hart mit diesen Kindern. Sie haben nichts getan, außer, sich ihres gottgegebenen Verstandes zu bedienen, um etwas zu schaffen, dass in ihren Augen ein Abbild der göttlichen Macht ist. Ein ketzerisches Vorgehen kann ich darin nicht entdecken.“ Es war ein dritter Engel, der sich jetzt zu Wort meldete. Seine scharfen, wachen Augen blitzten unter einigen zotteligen Haarsträhnen hervor, und um seinen Mund spielte ein leichtes Lächeln.
„Nimm sie nicht in Schutz, Eteciel. Für ein derartiges Vergehen gibt es nur eine angemessene Strafe.“
„Ich denke, diese Kinder haben ihre Lektion gelernt. Nicht wahr?“
Der Engel mit der warmen Stimme, Tareliel, beendete den Streit zwischen seinen Geschwistern, bevor er richtig begonnen hatte. Die Kinder nickten ängstlich.
„Dann geht jetzt nach Hause, und bittet den Herren um Vergebung für das, was ihr getan habt. Er möge euch segnen und sein Angesicht über Euch leuchten lassen, auf dass ihr in Frieden lebet.“
Lena schaute auf. Die vier hell gekleideten Engel sahen sie an, und auf ihren schönen Gesichtern lag ein sanftes, mildes Lächeln. Die Liebe Gottes strahlte aus ihnen hervor. Lena nickte andächtig.
Dann sah sie den dunklen Engel an, der sie noch immer mit offener Feindschaft anstarrte. Er hatte die Hand nicht von seinem Schwert genommen, und ließ keinen Zweifel daran, dass er mit der Entscheidung seiner Schargeschwister nicht einverstanden war.
Doch auch er drehte sich zeitgleich mit den anderen um, machte einige schnelle Schritte und erhob sich mit einigen mächtigen Flügelschlägen neben den anderen Engeln in die Luft.
Lena und Dirk starrten der Engelsschar hinterher, bis sie nur noch kleine Punkte am Himmel waren, die schließlich nicht mehr zwischen den grauen Wolken zu erkennen waren.
Es hatte angefangen zu regnen.